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FRIEDRICH PFISTER

1886-1967

deutscher Philologe

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Pfister

 

 

 

ERSTER TEIL

 

BIS ZUM ABITUR

1883 - 1901

 

Die Wilhelminische Zeit

 

Die ersten 30 Jahre meines Lebens fallen in die Wilhelminische Zeit. Es war eine Epoche der Sorglosigkeit und einer festeingebildeten Sicherheit. Niemand glaubte, daß diese Ruhe nur ein Schein war, daß der Boden, den man so fest wähnte, unterhöhlt war. Jeder, der etwas gelernt hatte, wußte, oder glaubte zu wissen, daß seine Zukunft gesichert war.. Es war eine Epoche der Sorglosigkeit und einer festeingebildeten Sicherheit.

 

Das Wissen stand hoch im Kurs. Das Gehalt der Beamten wurde in Goldstücken oder Reichsbanknoten vierteljährlich ausgezahlt und diese konnte man bei Auslandsreisen umgewechselt mit sich nehmen, da sie im Auslande an jeder Bank gern genommen wurden, in viele Länder konnte man ohne Visum fahren. Wer Geld auf der Bank hatte, wußte es für sein Alter gesichert. Unser Beamtentum war unantastbar und bis zum Minister hinauf von einfacher Lebenshaltung. Jeder höhere (akademische) Beamte hatte das humanistische Gymnasium durchlaufen; denn zum Hochschulstudium war das Reifezeugnis dieser Schule vorgeschrieben. Das änderte sich erst um die Jahrhundertwende, vor allem durch die Bestrebungen des Kaisers selbst. Um 1910 wurden die ersten Privatdozenten zur Universität zugelassen, die nicht vom Gymnasium, sondern von der Oberrealschule kamen.

 

 Das Bismarckreich schien für lange Dauert fest gegründet; von Kommunismus wußte man kaum etwas, gelegentlich sah man russische Emigranten, die als Kommunisten galten. Die Sozialdemokraten waren der Staatsfeind, die „vaterlandslosen Gesellen“, wie sie der Kaiser einmal nannte. Sie wurden in Schach gehalten und waren ziemlich zahm. An den Universitäten gab es einzelne Kathedersozialisten. Die Mehrzahl des Volkes war kaisertreu, patriotisch und militärfromm. Die Veteranen von 1870/71 waren geachtet, und wer gedient hatte, gehörte meist einem Militärverein an. Kaisers Geburtstag am 27. Januar war ein allgemeiner Feiertag. An den Universitäten in der Studentenschaft spielten die konservativen Korps die führende Rolle, was fast allgemein zugestanden wurde und aus ihnen kam ein großer Teil der höchsten Beamten und der Diplomaten. Der Offizier war der angesehenste Mann. Die Affäre des Hauptmann von Köpenick war bezeichnend. Jeder Offizier war durch seine Stellung und seine Uniform hoffähig, aber auch der Universitätsprofessor durch seine Stellung und seinen Geist. Auch er hatte ein unbestrittenes Ansehen und viele von ihnen hatten Gehälter, von ihren sonstigen Einnahmen abgesehen, die ein Ministergehalt weit überstiegen.. Die Mehrzahl des Volkes war kaisertreu, patriotisch und militärfromm. Die Veteranen von 1870/71 waren geachtet, und wer gedient hatte, gehörte meist einem Militärverein an. Kaisers Geburtstag am 27. Januar war ein allgemeiner Feiertag. An den Universitäten in der Studentenschaft spielten die konservativen Korps die führende Rolle, was fast allgemein zugestanden wurde und aus ihnen kam ein großer Teil der höchsten Beamten und der Diplomaten. Der Offizier war der angesehenste Mann. Die Affäre des Hauptmann von Köpenick war bezeichnend. Jeder Offizier war durch seine Stellung und seine Uniform hoffähig, aber auch der Universitätsprofessor durch seine Stellung und seinen Geist. Auch er hatte ein unbestrittenes Ansehen und viele von ihnen hatten Gehälter, von ihren sonstigen Einnahmen abgesehen, die ein Ministergehalt weit überstiegen.

 

 Es wurde sehr gearbeitet in dieser Zeit, gewissenhaft, wenn auch nicht rastlos. Daneben stand das Vergnügen der „Gesellschaft“: große Festessen (offizielle Essen), Bälle, Kommerse, Frühschoppen und Stammtisch, alles harmlos. An Kaisers Geburtstag sich zu betrinken, galt nicht als belastend. Ich erinnere mich eines Essens im Schwarzwaldhotel in Triberg im September 1904, zu Ehren von Großherzogs Geburtstag, mit 12 Gängen. Oder die Prorektorbälle in Heidelberg mit Abendessen und Sekt auf Kosten des Prorektors und das Festessen am Stiftungsfest der Universität, Fackelzüge der Studentenschaft beim Wechsel des Rektors oder der große Fackelzug in Karlsruhe, von den drei badische Hochschulen zum Jubiläum des Großherzogs dargebracht; ich selbst ritt dabei als Chargierter mit. Auch das Leben der Studenten trug gang den Stempel der Epoche.

 

 Unter drei Kaisern wuchs ich auf. Im Dreikaiserjahr 1888 wurde ich 5 Jahre alt. Ich erinnere mich noch - freilich immer wieder durch neue Erzählung aufgefrischt - an den geheimnisvollen Tod des Königs Ludwig II. von Bayern, 1886. Mein Vater war ein bayrischer Beamter. An einem Sonntagnachmittag ging er mit mir im Biertälchen bei Kaiserslautern spazieren. Da kam ihm bleich der Gerichtsdiener Saar entgegen und rief ihm zu: „Unser König hat sich erseeft“ (ersäuft). Allgemeine Landestrauer fand in Bayern und in der Pfalz statt., 1886. Mein Vater war ein bayrischer Beamter. An einem Sonntagnachmittag ging er mit mir im Biertälchen bei Kaiserslautern spazieren. Da kam ihm bleich der Gerichtsdiener Saar entgegen und rief ihm zu: „Unser König hat sich erseeft“ (ersäuft). Allgemeine Landestrauer fand in Bayern und in der Pfalz statt.

 

Den Kaiser sah ich einmal in Baden-Baden; es muß Ende der 90er Jahre gewesen sein. Das Gymnasium stand mit den andern Schulen am Bahnhof Spalier; ich trug das Schild mit der Aufschrift „Gymnasium“. Als er vorbei gefahren war, liefen wir Schüler unter Hurrarufen dem Wagen nach und ich konnte mich noch dicht hinter den Wagen drängen und den Kaiser genau sehen. Auch meine Begeisterung war groß, obwohl ich kurz zuvor mich in Debatten mit meinem Freund Hertzberg, einem Offizierssohn, als Sozialdemokrat aufgespielt hatte. Ich liebte es schon damals bei Diskussionen in der Opposition zu sein.

 

Der Vater Bernhard Pfister und seine Familie

 

Geboren bin ich am 6. Januar 1883 in Kaiserlautern in der Rheinpfalz als Sohn des kgl. bayerischen Landgerichtsrats Bernhard Pfister und seiner Frau Lina, geb. Karsch, an einem Samstag.

 

Mein Vater stammte aus einer streng katholischen Lehrerfamilie Unterfrankens. Geboren war er am 20. August 1842 in Roden, einem kleinen Dorf am linken Ufer des Mains. auf der Höhe, in der Nähe von Lohr. Dort war sein Vater Lehrer. Auch zwei Brüder meines Vaters, Eduard und Philipp, wurden Lehrer, ersterer zuletzt in Trennfurt bei Klingenberg, letzterer im benachbarten Mechenhard am Rande des Spessart. Beide Onkel habe ich mehrere Male besucht. Im allgemeinen stand uns die Familie meiner Mutter näher als die des Vaters. In den Ferien waren wir viel öfters bei den Tanten mütterlicherseits zu Besuch als bei den Onkeln von Vaters Seite. Und ebenso stand es auch mit den Gegenbesuchen.

 

Meine ersten Besuch bei den väterlichen Verwandten machte ich zusammen mit meinem Vater. Ich war damals etwa zehn Jahre alt. Auf dieser Reise waren wir unter anderem auch in Heidelberg. Besonders ist mir noch die Einkehr in Roden in Erinnerung, wo wir nachmittags im Wirtshaus mit vielen Jugendfreunden meines Vaters zusammensaßen Als wir den Fahrweg zurück nach Roden hinunter zum Main gingen, führten mich zwei Basen meines Vaters, ältere Frauen, jede an einer Hand, was mir recht genierlich vorkam. Auch Trennfurt und Mechenhard habe ich damals zum ersten Mal besucht. Auch in Aschaffenburg waren wir.

 

Einige Jahre später, wohl im August 1897, lud mein Vater seinen Neffen Eduard, einen Sohn Onkel Phillipps, nach Baden-Baden zu längerem Aufenthalt in den Sommerferien ein. Der hatte gerade das Abitur gemacht und wollte Jurisprudenz studieren. Ich selbst hatte Schwierigkeiten mit der Versetzung in die nächste Klasse (wohl Untersekunda), da ich in Mathematik wohl die Note 5 hatte, und sollte erst nach Ablegung einer Nachprüfung versetzt werden (übrigens das einzige Mal, daß mir dies passierte). Da bereitete Vetter Eduard mich gründlich vor, zwei Stunden täglich, und seit dieser Zeit hatte ich Verständnis, ja eine gewisse Vorliebe für Mathematik. In diesen Wochen haben wir auch viele Wanderungen in der weiteren Umgebung von Baden-Baden gemacht, Eduard und ich. Bei einem andern Aufenthalt Eduards bei uns, einige Jahre später, als ich in Prima saß, setzten wir diese Touren fort und haben einmal an einem Tag zu längerem Aufenthalt in den Sommerferien ein. Der hatte gerade das Abitur gemacht und wollte Jurisprudenz studieren. Ich selbst hatte Schwierigkeiten mit der Versetzung in die nächste Klasse (wohl Untersekunda), da ich in Mathematik wohl die Note 5 hatte, und sollte erst nach Ablegung einer Nachprüfung versetzt werden (übrigens das einzige Mal, daß mir dies passierte). Da bereitete Vetter Eduard mich gründlich vor, zwei Stunden täglich, und seit dieser Zeit hatte ich Verständnis, ja eine gewisse Vorliebe für Mathematik. In diesen Wochen haben wir auch viele Wanderungen in der weiteren Umgebung von Baden-Baden gemacht, Eduard und ich. Bei einem andern Aufenthalt Eduards bei uns, einige Jahre später, als ich in Prima saß, setzten wir diese Touren fort und haben einmal an einem Tag den Weg nach Wildbad hin und zurück gemacht, etwa 70 km.

 

Als Unterprimaner verbrachte ich mit meinem Bruder Franz die Sommerferien in Mechenhard, wo es ganz anders zuging als in den zivilisierten Haushalten meiner mütterlichen Verwandten. Ich kam auch etwas verwildert zurück und meine Mutter hat manches nicht passend für mich gehalten. So war ich einmal um Mitternacht oder noch später von einer Bierreise aus einem der umliegenden Dörfer nach Hause gekommen. Da verliebte ich mich auch in meine Cousine Lidwina, Tochter des Onkel Eduard in Trennfurt, und in eine Wirtstochter Minchen in Erlenbach a.M. Erstere besuchte ich damals auch einmal in Bad Heigenbrücken im Spessart, wo sie eine Zeitlang zur Kur war, dann aber nach ihrer Rückkehr auch oft in Trennfurt, und später schloß sich noch ein Briefwechsel an. Auch nach Frankfurt und Mainz bin ich mit Vetter Eduard gekommen und ich schrieb dafür Onkel Phillipp einen langen mit Zitaten reich gespickten Aufsatz, den ich selbst nicht ernst nahm, der aber dem Onkel wohlgefiel und in seinem überschwenglichen Pathos mit Beifall aufgenommen wurde.

 

Meine zwei Onkel gehörten zur älteren Generation der fränkischen Lehrerschaft an, die bereitwillig und aus Überzeugung unter der Herrschaft des Klerus und der geistlichen Schulaufsicht stand und deshalb von den jüngeren Lehrern oder wenigstens einem Teil von ihnen gekämpft wurde, von den Liberalen. Der Lehrer war damals zugleich Diener des Pfarrers, er spielte die Orgel und seine Familie läutete die Glocken der Kirche, letzteres habe ich in Trennfurt auch gelegentlich besorgt. Sonntags ging ich in Mechenhard auch mit zur Kirche. An eine Predigt erinnere ich mich noch, in der Cooperator gegen die Frauen und Mädchen wetterte, die Hüte trugen: „Und die heiligen Engel werden vom Himmel heruntersteigen und ihnen die Hüte vom Kopfe reißen,“ das wiederholte er mehrere Male.

 

In Mechenhard ging es wilder zu als in Trennfurt, wo mehrere erwachsene Töchter waren, die höhere Schulen in der Stadt besucht hatten. Sie nahmen sich besonders meines Bruders Franz an, der damals etwa 13 Jahre alt war, und dem es in Trennfurt besser als in Mechenhard gefiel. In Mechenhard herrschte noch die Sitte, daß die Männer für sich speisten und die Frauen mit den kleineren Kindern. Alkohol spielte eine große Rolle, ebenso das Kartenspiel und in der Schule der Stock.

 

Als ich von dieser Ferienreise nach Hause kam, hatte ich den gesitteten Scheitel abgelegt und trug das Haupthaar aufwärts gekämmt, habe aber bald diese Tracht unter dem Einfluß meiner milden Schwester Luise wieder abgelegt und trug seitdem das Haar stets gescheitelt und ziemlich kurz geschnitten bis in die jüngste Gegenwart, 1945, wo ich mich wohl endgültig zur wilden langhaarigen Frisur entschied.

 

Daß mein Vater eine Protestantin heiratete, war natürlich nicht wohlgefällig im Kreis seiner Familie aufgenommen worden. Auf der Hochzeitsreise haben meine Eltern auch die fränkischen Verwandten am Main besucht, und auch nach dem Tod meines Vaters wurde der Verkehr mit ihnen fortgesetzt, insbesondere meine Mutter stand mit manchen noch im Brief- und Besuchsverkehr.

 

Die zwei Onkel Eduard und Philipp waren 1897 bei der Beerdigung meines Vaters anwesend. Er wurde nach katholischem Ritus begraben, aber neben dem katholischen Priester war auch unser protestantischer Pfarrer anwesend, und ein paar Tage später wurde die Seelenmesse in der Stiftskirche abgehalten. Im übrigen hatte sich mein Vater innerlich von der Kirche gelöst und ließ seine Kinder ohne weiteres in der Religion der Mutter erziehen. Aber bei der Konfirmation der beiden Älteren, die zusammen konfirmiert wurden, ist er nicht zur Kirche mitgegangen, sorgte aber für eine schöne Feier zu Hause. Irgend eine Schwierigkeit wegen der beschiedenen Konfession hat es in unserer Familie nie gegeben.

 

So wuchsen wir religiös duldsam als Protestanten in dem großenteils katholischen Baden-Baden auf, wurden kirchlich erzogen und besuchten jeden Sonntag den Kindergottesdienst, später den Hauptgottesdienst. Das habe ich bis zum Abitur durchgeführt. Dann als Student habe ich keinen Gottesdienst mehr besucht. Eine besondere kirchliche Feier für die Jugend war immer an Weihnachten, nachmittags am 24. Dezember vor der häuslichen Bescherung, mit Gesang und Einzelvorträgen der Kinder. Auch ich bin gelegentlich am Altar unter dem großen Christbaum aufgetreten. Unser Hauptpfarrer Ludwig verkehrte auch in unserer Familie. Da es in dem internationalen Badeort auch noch je eine russische, griechisch-orthodoxe und anglikanische Kirche neben einer Synagoge gab, lernten wir früh, daß gar verschiedene Konfessionen innerhalb des Christentums bestanden.

 

Die Familie Pfister ist in Unterfranken am Rande des Spessarts zu Hause, wo der Name Pfister außerordentlich verbreitet ist, wie überhaupt im südwestlichen Deutschland. Der Name kommt von lateinisch pistor (Müller, Bäcker), und diese Bezeichnung wurde schon vor vielen Jahrhunderten als Eigenname aufgenommen wie Müller und Becker auch, so Pistor, Pistorius, Pfister, Pfisterer usw. In München kann man gelegentlich noch lesen: Pfisterei oder Hofpfisterei.

 

Mein Vater Bernhard - geb. am 20. August 1842 in Mechenhard, gest. am 24. Dezember 1897 in Baden-Baden -, durfte als besonders begabt studieren. Er besuchte in Lohr die Lateinschule und in Aschaffenburg das humanistische Gymnasium und wandte sich dann dem Studium der Jurisprudenz in Würzburg zu. Er war einer katholischen Studentenverbindung beigetreten, ist aber später, wohl als Alter Herr, wieder ausgeschieden. Nach seinem Staatsexamen war er in Marktheidenfeld, München, Lohr und in Dahn in der Pfalz tätig und kam dann als Landgerichtsrat nach Kaiserslautern, in die größtenteils protestantische Rheinpfalz und hier heiratete er Lina Karsch. Ein besonderes gutes Verhältnis hatte er zu seiner künftigen Schwiegermutter. Als Bräutigam - so wurde uns oft erzählt - fiel ihm auf, daß seine Schwiegermutter, wenn er zu Besuch auf dem Rittersberg in unserm großelterlichen Haus war, so oft im Nebenzimmer für kurze Zeit verschwand. Er glaubte lange, daß sie sich bei dieser Gelegenheit im Spiegel, der dort hing, betrachte und verwunderte sich im Stillen über ihre Eitelkeit. Schließlich kam er hinter das Geheimnis, daß sie nämlich dort im Geheimen eine Prise Schnupftabak nahm. Da er selbst ein starker Schnupfer war - (geraucht hat er nicht) - offenbarte auch er jetzt seine Leidenschaft, die er bisher verborgen hatte, und beide haben dann gemeinsam im Familienkreis geschnupft. Die Versorgung meiner Großmutter mit Schnupftabak war übrigens, bevor mein Vater als Mitschnupfer auftauchte, mit Schwierigkeiten erbunden, da ihre Töchter nur ungern im Laden ihr diese Genußmittel holten, zumal der Kaufmann einmal zu einer von ihnen gesagt hatte, die ausdrücklich „für den Vater“ Schnupftabak verlangte: „Das ist ja doch für deine Mutter; dein Vater schnupft ja gar nicht“.

 

Am 1. Mai 1880 fand die Hochzeit meiner Eltern in Kaiserslautern statt. Von den drei Schwestern der Braut war eine die Ältere, Elise, bereits verheiratet, mit dem Bierbrauer Fritz Trapp. Die Zweiälteste, Marie, und die Jüngste, Luise , waren noch ledig. Mein Vater hatte ein Einfamilienhaus mit Garten in der Glockenstraße (Nr. 62) gekauft. Seinen Schwiegervater hat er nicht mehr gekannt, da dieser, Eduard Karsch, bereits 1875 verstorben war. Er hatte seine künftige Frau durch deren Tante Krafft, die Besitzerin des Hotels Krafft, wo er zu Mittag zu essen pflegte, kennen gelernt.

 

Die Mutter Lina Karsch und ihre Familie

 

Mein Großvater Eduard Karsch heiratete seine Cousine Eva Luise Röder, meine Großmutter. Er war ein äußerst tüchtiger und fleißiger Kaufmann, der das väterliche Geschäft zu großer Blüte brachte. Seine vier Töchter haben später einmal rund je 80.000 Mark mit in die Ehe bekommen.

 

Ein Bruder meiner Großmutter mütterlicherseits war Jakob Röder, der unverheiratet geblieben ist, der „Onkel Jakob“, der eine Papiermühle in Hardenburg bei Dürkheim besaß. Sie war ein Gegenstand der Familiensorge, da es immer mehr mit ihr bergab ging und sie von der Familie gestützt werden mußte. Auch mein Vater hatte einige Tausend Mark hineingesteckt, die aber verloren gingen. Des öfteren fanden Familienräte deshalb in Hardenburg statt, und ich erinnere mich, einmal von meinem Vater mitgenommen worden zu sein, als wir noch in Kaiserslautern wohnten. Bei dieser Gelegenheit gab es rötlichen Salm zum Mittagessen. Schließlich krachte die Fabrik zusammen, aber Onkel Jakob rettete für sich soviel, daß er bis zu seinem Lebensende in einem kleinen Haus in Hardenberg leben konnte, der einzige „Erbonkel“ unserer Familie. Ich besuchte ihn einmal später auf einer Fußwanderung als Gymnasiast, kam um die Mittagszeit zu ihm, und da kochte er sich selbst sein Eintopfessen, zu dem er mich einlud, und dann brachte er mich selbst noch ein Stück des Wegs weiter gegen Rockenhausen, offenbar, damit ich nicht noch länger bei ihm bliebe. Noch jahrelang haben wir in Baden-Baden alljährlich eine große Sendung Papier, meist weisses und farbiges Packpapier erhalten, noch zu Lebzeiten meines Vaters, bis auch dieses ausblieb. Als Onkel Jakob starb, wurden alle vier Karschtöchter zur Testamentseröffnung nach Dürkheim zum Notar eingeladen. Ich widerriet damals meiner Mutter lebhaft, hinzufahren: Wenn wir etwas erbten, würden wir es auch so erfahren und erhalten. Nur Tante Marie ging von Lambrecht aus zu Fuß nach Dürkheim, bei Regenwetter, und mußte zu ihrem Schmerz hören, daß auch sie, wie wir alle, leer ausgegangen sei. Sie erzählte es uns später und schloß mit den Worten: „Und von dem Ganzen hatte ich nur einen vergammelten Rock“. Das Häuschen und etwas Geld fiel an die Familie Rech.

 

Unter meinen Papieren hat sich die Aufzeichnung einer Rede gerettet, die Pfarrer Schwinn einmal auf einem Familientag der Karsche gehalten hat. Darin heißt es u.a. - "Das Wort Karsch ist nach der Erklärung des Sprachforschers Max Gottschald ein mittelhochdeutsches Wort und bedeutet frisch, munter". Frische und Munterkeit ist auch, soviel ich zu beurteilen vermag, eine der Eigenschaften der Familie Karsch. Die Karsche gehen nicht mit geschlossenen Augen durch das Leben hindurch sonder mit offenen Augen, sind nicht langweilig und schwerfällig, sondern lebendig, schlagfertig, zum Witze, zur Ironie und zum Sarkasmus geneigt. Sie geben siczh nicht fruchtlosen Träumereien hin, sondern packen das Leben an nach dem Grundsatz jener Vertreterin der Familie: ?Nor mit de Füß auf dem Bode geblibb.“

 

- Wie sie die Welt und das Leben zu erkennen suchen, so suchen sie auch ihre Lebenszeit zu verstehen und auszunützen; witzig und schaffig sind die Karsche, wie mir vor einigen Tagen eine Karsch von heute noch sagte. Sie sind meistens fleißig und tätig von früh bis spät, so daß jene Mutter früh morgens ihre Tochter fragen konnte: „Hast de denn auch deinen Kafffee schon verdient?“

 

-Praktisch sind die Karsche, sie kommen gewöhnlich im Leben nicht zu kurz und wissen meist etwas für sich herauszuschlagen wie jener Heinrich Peter tat. Als einst in seinem Haus Schlachtfest gehalten wurde, rührte er mit seinem Säbel in dem Wurstkessel, um bessere Wurstsuppe zu erhalten. Als jene Mutter im Winter ihren Sohn mahnte, sich gründlich zu waschen, gab er ihr zu Antwort: „Im Summer bad ich“.

 

- Doch war der Sinn der Familie nicht nur auf Essen und Trinken gerichtet, sondern ging über das Alltägliche hinaus. Sie nahm auch regen Anteil am großen Ganzen. Wie ereiferten sich jene Männer des Jahres 1848 - 1849 für deutsche Freiheit und Einigkeit, bereit, für die große deutsche Sache persönlich große Opfer zu bringen! Ob sie auch deshalb von ihren Zeitgenossen verspottet, verhöhnt und karikiert wurden, ob sie von ihrer Obgreigkeit ins Gefängnis geworfen und verfolgt wurden, ob sie auch in die Fremde ja selbst über das Weltmeer flüchten mußten, so waren sie doch treue deutsche Männer, die ihrer Zeit vorauseilten und ein Deutschland zu schaffen suchten, wie wir es später zu unserer großen Freude erreichten. Und wenn jener vohin genannte Heinrich Peter, welcher als Bayer im Dienste seines Vaterlandes unter den Fahnen Napoleons stand, auch in Verehrung stets seines obersten Feldherrn gedachte und mancherlei Zeichen der Erinneriung und manche Trophäe in seinem Haus aufbewahrte, so war er doch ein treuer deutscher Mann. Auch hier gilt das Sprichwort: „Honni soit, qui mal y pense“.

 

- Rechter Familiensinn wurde stets in der Familie Karsch gehegt, und verwandtschaftlicher Verkehr eifrig gepflegt. Freilich wir Menschen von heute vermögen uns nicht auf den Standpunkt jenes jungen Ehepaares aufzuschwingen, welches auf seiner Hochzeitsreise den übrig bleibenden Platz in seiner Kutsche mit der lieben Tante besetzte, die dann auch mit ihm die ganze Hochzeitsreise mitmachte.

 

- So weit der Pfarrer Schwinn, dessen Charakteristik im Ganzen richtig ist.

 

Die Hochzeit der Eltern

 

In diese Familie mit den pfälzischen Eigenschaften kam mein Vater, der Unterfranke. Der Verkehr im engsten Kreis der Schwiegermutter mit ihren vier Töchtern muß ihm etwas ganz neues gewesen sein. Er war 37 Jahre alt, seine Braut, die zweitjüngste Tochter Lina, erst 20. Er selbst war bereits Langerichtsrat und viel ruhiger als seine temperamentvolle Braut und die lustigen Schwägerinnen. Doch hatte er Sinn für Humor und für ruhiges Familienleben und die hochangesehene Familie bot ihm beides und noch mehr. So wurde bald, am 1. Mai 1880 geheiratet, das Haus in der Glockenstraße 62 gekauft und eingezogen. Die Hochzeitsreise führte nach dem Wunsch des Vaters nur an Orte, wo er selbst früher bereits einmal gewesen, durch ‘Baden an den Bodensee (Konstanz), nach Reichenhall und Berchtesgaden, wo mein Vater öfter zur Kur geweilt, und nach Unterfranken in die väterliche Heimat.

 

In Kaiserslautern

 

Unter meinen geretteten Papieren finde ich einige Blätter, die ich als Siebzehnjähriger im Mai 1900 in Baden-Baden geschrieben hatte, aus einem Heft stammend, das den Titel führte: „Ein Blick zurück auf meine Kinderjahre“. ----------------

Als ich ein kleines Kind war ....... wurde ich sehr krank, ich bekam die Diphterie. Während dieser Zeit wohnte Luischen bei unserer Grossmutters (die 1887 starb) auf dem Rittersberg. Man zweifelte daran, ob ich am Leben bliebe. Schliesslich genas ich, und die Krankheit hat keine Spur mehr hinterlassen, ausser dass ich anfangs noch sehr schwächlich blieb, bis in mein 8. Lebensjahr, so dass ich lange Privatstunden nehmen musste. Ich erinnere mich noch, dass ich nach der Krankheit, während ich viel inhalieren musste, zum 2. Frühstück immer ein weiches Ei und ein Gläschen Tokaier bekam. Dieser Tokaier ist also meine erste Kindheit- Erinnerung.

 

Auch eine Beschreibung unserers Hauses findet sich in jenen Aufzeichnungen: Ein zweistöckiges Eckhaus mit einem kleinen Hof und Garten. Im Hof befand sich eine Waschküche,  von wilden Reben ganz umwachsen. Mit den Rebstengeln machten Luise und ich die ersten Rauchversuche, so reicht also meine Raucherleidenschaft in meine frühste Jugend, in die 80er Jahre zurück. - In der Waschküche war auch ein Hühnerstall, in dem wir eine kurze Zeit lang Hühner hielten, ohne aber viel Glück damit zu haben. Das Gärtchen war durch einen Lattenzaun vom Hof und der Straße getrennt. In seiner Mitte war ein runder Rasen mit zwei Zypressen und einem Obstbaum. Im Rasen durften wir Kinder Gruben anlegen, die wir mit Wasser füllten. Um den Rasen herum führte ein Weg. In der einen Ecke des Gartens war eine Eschenlaube, wo wir manchmal zu Nacht aßen. Der Garten war mit Rosen, Gelbveilchen, Flieder und anderen Blumen bepflanzt. Auch hatte jedes von den Kindern sein eigenes Beet. Im Hof stand ein großer Kastanienbaum.

 

In Kaiserslautern war ich eine kurze Zeit lang in der Kinderschule, wo die Knaben von den Mädchen getrennt saßen; ich wollte aber unbedingt neben meiner Schwester auf der Mädchenseite sitzen und habe dies auch erreicht. Dann war ich noch eine kurze Zeit in der 1. Klasse der Seminarschule und hatte auch Privatunterricht. Viele Nachmittage haben wir mit unserer Mutter und dem Dienstmädchen im Biertälchen verbracht, wohin wir Milch und Kaffe in Flaschen und Butterbrote mitnahmen. Einmal ließ ich das Brot während des Spiels einige Zeit auf dem Waldboden liegen, und als ich wieder hineinbiß, schmeckte ich etwas Süßliches. Beim Nachschauen bemerkte ich, daß es ein Mistkäfer war, der auf das Brot unbemerkt gekrochen war. Seitdem weiß ich, daß diese Tiere süß schmecken. Auch mit meinem Vater ging ich manchmal spazieren, dabei schlief ich ein und ging schlafend neben meinem Vater her; so wurden mir erzählt.

 

Meine Erinnerungen an Einzelheiten aus den sieben Jahren, die ich in Kaiserslautern zubrachte, sind nicht sehr umfangreich. Einiges ist schon erwähnt. Ein großes Ereignis war die Einführung der Wasserleitung in unserm Haus dessen Wasserversorgung vorher durch die im Hof stehende in die Pumpe geschah. Man mußte immer erst ein wenig Wasser oben in die Pumpe hineinschütten, bis der Kolben anzog und Wasser herausgab. Das Wasser stand im Vorrat auf der “Wasserbank” in der Küche, und diese Wasserbank diente mir später, braun gebeizt und mit einer Tischdecke behangen, viele Jahre lang neben meinem Schreibtisch stehend, als Bücherablage. In Würzburg stand sie dann zuletzt ziemlich unbeachtet in der Veranda und ist dort verbrannt, wie überhaupt viele Möbel aus meinem elterlichen Haus in Kaiserslautern zuletzt in Würzburg ihr Ende fanden, also nach 65jähriger Dienstzeit, so vor allem mein Schreibtisch, den sich mein Vater nach eigenen Angaben aus Eichenholz hatte anfertigen lassen, ein Riesenmöbel, dessen Aufsatz in Würzburg heruntergenommen, im Flur stand, um das alte Konversationslexikon, ebenfalls aus Kaiserlautern stammend,  zu tragen. Manches von diesen Möbeln hätte noch gut einer Generation dienen können.

 

Eine weitere Erinnerung ist an einen Raben oder eine Krähe mit gestutzten Flügeln berknüpft, die wir Kinder eine zeitlang hielten bis ihre Flügel wieder nachgewachsen waren und sie davonflog oder sie gestohlen worden ist, an Drachensteigenlassen auf dem freien Feld in Nähe unseres Hauses, an eine Kinderaufführung im Theater, in die mich mein Vater mitnahm, bei der ein großer Affe wunderbar über die ganze Bühne in der Luft aus einem Fenster in das gegenüberliegende flog, an Sonntagsfrühschopppen- in der Grünen oder Roten Laterne, zu denen ich den Vater begleitete, wobei ich eine Fastenbretzel erhielt.

 

In Kaiserslautern wurden wir drei Kinder geboren, Luise am 14. August 1881, ich am 6. Januar 1883 und Franz am 3. März 1887. Es war damals offenbar nicht so allgemein üblich, daß Mütter in “höheren” Kreisen ihre Kinder selbst stillten, sonder da mußte eine “Schenkamme” eintreten, meist ein Mädchen mit einem unehelichen Kind. So auch bei uns dreien. Es liegen mir ein paar Briefe vor aus den Jahren 1894 und 1900, in denen die zwei ehemaligen Ammen von Luise und Franz anläßlich der Konfirmation der Milchgeschwister sich an meine Mutter wenden. Beide hatten geheiratet, die eine den Vater ihres Kindes, die andere einen Witwer, der selbst 3 Kinder mit in die Ehe brachte. Nach langen Jahren schrieben sie wieder an meine Mutter, voller Anhänglichkeit, erkundigten sich nach der ganzen Familie und besonders nach ihrem Milchkind, das jetzt wohl auch konfirmiert würde. Die eine, Katharina (oder Käthchen, wie wir sie nannten, die Amme des Franz, mit drei großen langen Zöpfen, hatte es im Leben nicht gut getroffen und bat um eine Kleiderspende zur Konfirmation, die sie auch erhielt, wie aus ihrem Dankbrief hervorgeht.

 

Übersiedlung nach Baden-Baden, Volksschule

 

Im Sommer des Jahres 1890 siedelten wir nach Baden-Baden über. Mein Vater hatte sich aus Gesundheitsrücksichten früh zur Ruhe setzen lassen als Richter wurde er mit vollem Gehalt pensioniert. Im August dieses Jahres wurde er erste 48 Jahre alt und er hat dann nur noch sieben Jahre gelebt. Während des Umzugs wohnten wir in Baden-Baden im Hotel zum Bock, das heute noch besteht; die neue Wohnung war schräg gegenüber in der langen Straße bei Metzger Eppel, dort, wo rechts am Haus die steile Treppe zum neuen Schloß hinaufführt. So hatte das Haus zwei Eingänge, einen zu ebener Erde von der Langen Straße aus und einen, der in den ersten Stock hineinführte, von jener Treppe aus. Das war uns wichtig und von Vorteil bei Streitigkeiten mit andern Buben, da wir bald diesen bald jenen Weg wählen konnten. In dieser Wohnung blieben wir jedoch nicht mehr sehr lange, da sie zu unruhig und sonnenlos war, und wir zogen schon 1891 in die Lichtenthalerstraße zum Gärtner Haslach, dicht bei der Russischen Kirche mit der goldenen Kuppel, wo damals die Stadt fast zu Ende war, und hier haben wir die zwölf Jahre bis zum Umzug nach Heidelberg (1903) zugebracht. Da war nun Sonne genug, besonders in der Glasveranda, in der mein Vater sogar oft im Winter in der Sonne ohne Heizung sein Mittagsschläfchen machen konnte. Diese Veranda diente später uns zwei Buben als laut dröhnender Tummelplatz. zum Gärtner Haslach, dicht bei der Russischen Kirche mit der goldenen Kuppel, wo damals die Stadt fast zu Ende war, und hier haben wir die zwölf Jahre bis zum Umzug nach Heidelberg (1903) zugebracht. Da war nun Sonne genug, besonders in der Glasveranda, in der mein Vater sogar oft im Winter in der Sonne ohne Heizung sein Mittagsschläfchen machen konnte. Diese Veranda diente später uns zwei Buben als laut dröhnender Tummelplatz.

 

In Baden-Baden besuchte ich zweieinhalb Jahre lang die Volksschule, in der 2. bis 4. Klasse. In der 4. Klasse blieb ich, wie üblich, nur ein halbes Jahr, da die Volksschulen an Ostern, die höheren Schulen im September anfingen. Dreimal wechselte für mich in der Volksschule in oben am Neuen Schloß, gegenüber dem Viktoriastift; in der 4. Klasse besuchte ich die Schule, die im Gebäude der Oberrealschule- untergebracht war. Im September 1892 kam ich aufs Humanistische Gymnasium.

 

Der Schulbesuch wurde in meiner Jugend sehr ernst genommen. Mein Vater stammte ja selbst aus einem Lehrerhaus und hat auch meine Lehrer immer persönlich gekannt und auch unsere Hausaufgaben überwacht, auch in den Ferien mußte täglich immer irgend etwas gearbeitet werden. Für die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium bereitete er mich selbst vor, besonders in Rechnen und Diktat. Als ich am Schluß der Obertertia nur mit einer Nachprüfung versetzt werden durfte, machte meine Mutter nicht mir, sondern dem Vater Vorwürfe, daß er das nicht vorausgesehen und rechtzeitig für Abhilfe gesort hätte; er hätte doch Zeit genug dazu gehabt. Übrigens der einzige Streit zwischen meinen Eltern, an den ich mich erinnere.

 

Die häuslichen Schulaufgaben mußten immer zuerst erledigt werden, ehe das Spielen begann, gleich nach der Rückkehr aus der Schule nachmittags nach dem Kaffee. Ein Schulversäumnis war nur bei wirklicher Krankheit möglich. Einmal, in der 3. Klasse, hatte ich vormittags nach dem Unterricht mit meinem Freund Karl Hitzler noch einen Spaziergang gemacht, gegen den Waldsee zu. Als wir Hunger hatten, aßen wir rohe Erdäpfel, die wir von einem Feld holten, und kamen erst spät, nachdem Mittagessen nach Hause. Dort gab es eine große Szene, mein Vater hatte sich schon in der Schule beim Lehrer erkundigt, ob etwas vorgefallen sei, weswegen ich nicht nach Hause käme. So kam ich erst nach dem Essen eine Viertelstunde zu spät zum Nachmittagsunterricht. Hitzler wurde vom Lehrer verhauen, ich, sein Lieblingsschüler, kam mit einer freundlichen Ermahnung davon. Aber mein Vater war sehr böse. Auch sonst bin ich, obwohl in der Schule der Stock mächtig regierte, ohne Schläge durch die Volksschule gekommen. Ich habe früh eingesehen, daß man in der Schule besser fährt, wenn man für dumm als wenn man für faul gilt. In der 4. Klasse, wo wir einen mir höchst unsympathischen Lehrer hatten, habe ich in dem Michdummstellen eine solche Fertigkeit erreicht, daß der Lehrer mich des öfteren die "eingerostete Denkmaschine" nannte und darüber spottete, daß ausgerechnet ich das Gymnasium besuchen wollte.

 

Karl Hitzler ist mein ältester Freund, von der 2. Klasse der Volksschule an waren wir zusammen, auch dann auf dem Gymnasium, haben gleichzeitig in Baden-Baden 1901 das Abitur gemacht, uns auf der Universität wieder gelegentlich getroffen und später uns noch des öfteren gesehen. Zum 60. Geburtstag haben wir uns geschrieben. Er war zuletzt Oberregierungsrat in Kaiserslautern. Wir nannten ihn immer den “geborenen Rentner”, eine typische Badner Erscheinung, aus einem Kurz- und Weißwarengeschäft stammend.

 

Das Badener Gymnasium

 

Im September 1892 kam ich aufs Humanistische Gymnasium. Die Wahl dieser Schule unterlag gar keinem Zweifel. Denn ich sollte auf jeden Fall studieren, und den Zutritt zur Universität eröffnete allein diese Schule. Das Badener Gymnasium befindet sich heute noch in demselben Gebäude, am Eingang zur Seufzerallee, gegenüber dem alten, berühmten Kruzefix. Es zählte in der Regel nicht mehr als etwa 120 Schüler, meist waren in der Oberprima nur etwa 10 bis 12 Abiturenten. Daß unsere Klasse mit 17 Schülern das Abitur machte, war eine Ausnahme. Die Schüler waren teils Eingeborene, meist von Hoteliers und Geschäftsleuten stammend, teils Fremde deren Eltern wie die meinigen sich nach Baden zurückgezogen hatten, dazu einige wenige Söhne von Beamten, so daß die Schüler, die aus akademisch gebildeten Kreisen kamen, bedeutend in der Minderzahl waren. Auch unter den Lehrern befanden sich manche, die sich aus Gesundheitsrücksichten in diesen Kurort hatten versetzen lassen.

 

Unter meinen Lehrern waren besonders zwei, die wir in den oberen Klassen hatten, die zugleich gute Pädagogen und wissenschaftlich hervorragende Philologen waren, der Direktor Häussner, der als Horazforscher bekannt ist, und Adolf Ausfeld, der grundlegend über den bekannt ist, und Adolf Ausfeld, der grundlegend über den Alexanderroman gearbeitet hat. Bei einer Kaiser-Geburtstagsfeier, etwa um 1900 herum, hörte ich zum ersten Mal durch die Festrede, die Ausfeld in der Schule hielt etwas von der Alexandersage, von den eingeschlossenen wilden Völkern der Apokalypse, gearbeitet hat. Bei einer Kaiser-Geburtstagsfeier, etwa um 1900 herum, hörte ich zum ersten Mal durch die Festrede, die Ausfeld in der Schule hielt etwas von der Alexandersage, von den eingeschlossenen wilden Völkern der Apokalypse, Gog und Magog, und von der damit zusammenhängenden deutschen Kaisersage. Sein Buch, das nach vielen vorausgegangenen schönen Veröffentlichungen nach Ausfelds Tod im Jahre 1907 von Wilhelm Kroll und meinem Freund , und von der damit zusammenhängenden deutschen Kaisersage. Sein Buch, das nach vielen vorausgegangenen schönen Veröffentlichungen nach Ausfelds Tod im Jahre 1907 von Wilhelm Kroll und meinem Freund Ulrich Bernays herausgegeben wurde, war für mich der Anlaß, mich mit dem Alexanderroman genauer zu beschäftigen: Ich besprach das Buch in den Südwestdeutschen Schulblättern (1907), und seit dieser Zeit ist das Thema "Alexander der Große in der Weltliteratur" allmählich zu meiner Lebensarbeit geworden. herausgegeben wurde, war für mich der Anlaß, mich mit dem Alexanderroman genauer zu beschäftigen: Ich besprach das Buch in den Südwestdeutschen Schulblättern (1907), und seit dieser Zeit ist das Thema "Alexander der Große in der Weltliteratur" allmählich zu meiner Lebensarbeit geworden.

 

Von Ausfeld ist mir besonders sein Lateinunterricht mit der Lektüre des Tacitus und von Häussner die Lektüre des Horaz in guter Erinnerung. Im Horazunterricht brachten wir es so weit, wenigstens manche, zu denen ich freilich nicht gehörte, daß, wenn Häussner eine Horaz-Ode durch Buch- und Oden-Nummer bezeichnete, sie ihren Anfang wußten. Er nahm weitgehend Rücksicht darauf, daß ich nicht gerne auswenig lernte, und verlangte selten von mir, daß ich Horazverse aufsagte, von denen wir ja sehr viele auswendig lernen sollten. Bei Ausfeld wurde im Unterricht gelegentlich sogar Lateinisch gesprochen. Sein Deutschunterricht war besonders gut. Daß er ihn freilich in der Weise begrenzte, daß er die Geschichte der deutschen Literatur mit den Worten schloß "Im Alter ist er (Goethe) etwas wunderlich geworden und hat schließlich sein Dienstmädchen geheiratet" (was der aristokratische Ausfeld nicht verzeihen konnte), das war eine Entgleisung, die man dem vortrefflichen Lehrer gerne nachsah. Zur Erholung las er uns gelegentlich auch aus Fritz Reuter vor. Die von ihm gestellten Aufsatzthemata habe ich gerne und mit großem Fleiß bearbeitet, so etwa das Thema: Deutsches Klosterleben im 10. Jahrhundert nach Scheffels Ekkehard.

 

Auch in Ausfelds Familie verkehrte ich, und die Freundschaft mit ihr überdauerte noch seinen Tod (1905). Er hatte sich um 1903 nach Heidelberg versetzen lassen, um endlich am Sitz einer größeren Bibliothek zu sein und seine wissenschaftlichen Arbeiten zum Abschluß zu bringen zu können. Aber schon zwei Jahre darauf ist er an einer Blinddarmentzündung gestorben. Seine Asche wurde auf dem Heidelberger Friedhof beigesetzt und auf dem Grabstein steht ein griechisches Epigramm, das sein Kollege Stadtmüller, der Herausgeber der Anthologia Palatina, verfaßt hatte. Bis zum 1. Weltkrieg haben unsere beiden Familien in Heidelberg viel miteinander verkehrt. Sein älterer Sohn Herbert war mit mir, sein jüngerer, Walter, mit meinem Bruder Franz befreundet. Herbert ist frühzeitig gestorbern. Er war etwa von Tertia an in meiner Klasse, wir studierten auch mehrere Semester lang zusammen in Heidelberg, aber er trank lästerlich und war eine Abenteurer-Natur. Ein paar tausend Mark, die er von seiner Großmutter erbte, nach dem Tod seines Vaters, benützte er dazu, sich die Welt anzusehen, und so trieb er sich einige Jahre im Ausland umher, auch in Amerika und in der Südsee, aber ohne Ziel, kam gelegentlich auch einmal wieder nach Hause, wo er lustig von seinen Erlebnissen erzählte, freilich in doppelter Fassung, einmal für unsere Mütter bestimmt, dann für mich allein.

 

Aus Ausfelds Bibliothek habe ich nach seinem Tod die von ihm gesammelte Literatur zum Alexanderroman übernommen, allerdings nicht sehr reichhaltig, darunter auch einen alten Druck der Historia de preliis von 1489, ein Geschenk seines Freundes Riezler, des bayerischen Historikers, mit dem er in Donaueschingen lange zusammen war. Diese Inkunabel hat auch den Brand von 1945 überdauert, dagegen ist die alte Realenzyklopädie von Pauly-Teuffel, die ich von Ausfeld geerbt hatte, verbrannt. Seinen wissenschaftlichen Nachlaß habe ich später (1912) von Bernays übernommen, die ich von Ausfeld geerbt hatte, verbrannt. Seinen wissenschaftlichen Nachlaß habe ich später (1912) von Bernays übernommen.

 

In einer der unteren Klassen unterrichtete uns Prof. Zutt im Deutschen. Einmal mußten wir bei ihm einen Schulaufsatz in der Klasse über das Thema schreiben: Wanderung eines Kohlenstoffstäubchens. Ich saß lange, an meinem Federhalter kauend, da und wußte mit dem Thema nichts Rechtes anzufangen. Zutt wollte immer eine "lebhafte Behandlung"; aber dazu schien mir das Thema zu langweilig. Da sagte er, als er meine Hilflosigkeit erkannte, wir könnten es auch in Form eines Wechselgesprächs zwischen zwei Knaben machen, die sich bei einem Spaziergang darüber unterhalten. So schrieb ich einen solchen Dialog über das Kohlenstoffstäubchen nieder. Als ich das Heft korrigiert zurückerhielt, stand unter dem Aufsatz: "So langweilig sind nicht alle Knaben". - Wenn wir Gedichte vortragen sollten, kam es wesentlich auf den Stimmaufwand an. Er unterbrach uns immer wieder mit den Worten: "Mehr Stimmittel!". Zwanzig Jahre später begegnete mir bei meinem Regimentskommandeur im Feld, Obersleutnant Pfahl, die gleiche Auffassung: Wenn er uns etwas fragte - und wir durften ja nur sprechen, wenn wir gefragt wurden - mußten wir mit geradezu brüllender Stimme antworten. Laut gebrüllt und falsch war bei ihm besser als leise und richtig.

 

Ins Latein führte uns in Sexta Dr. Kratt ein, ein jüngerer, etwas kränklicher Herr, in dessen Unterricht oft heitere Lustigkeit herrschte. Bei den Adjektiven mit unregelmäßiger Komparation durfte ich immer den Schlußvers hersagen: Plures, plures, plura, - plurium, plurium, plurium. Aber einmal ertappte er mich, wie ich während des Unterrichts meinen Nebenmann knuffte, und da sagte er: "Du scheinst mir ein Duckmäuser und Heimtücker zu sein".

 

In der deutschen Literatur hatten wir eine zeitlang den sehr guten Unterricht des Prof. Herrmann, eines alten, sehr gutmütigen Herrn. Er las uns sehr häufig aus den originalen Dichtungen vor, mit sehr gutem Vortrag. Von ihm wurden wir vor allem in Klopstock und Lessing eingeführt; den Laokoon und die Hamburgische Dramaturgie haben wir unter seiner Leitung gerne gelesen. Er dichtete auch selbst und gelegentlich wurden bei Schulfesten (an Kaisers Geburtstag und beim Schlußakt im Juli) Dichtungen von ihm durch die Schüler aufgeführt. Auch ich bin manchmal dabei aufgetreten und habe auch Gedichte auf dem Podium vorgetragen. eingeführt; den Laokoon und die Hamburgische Dramaturgie haben wir unter seiner Leitung gerne gelesen. Er dichtete auch selbst und gelegentlich wurden bei Schulfesten (an Kaisers Geburtstag und beim Schlußakt im Juli) Dichtungen von ihm durch die Schüler aufgeführt. Auch ich bin manchmal dabei aufgetreten und habe auch Gedichte auf dem Podium vorgetragen.

 

Diese Feiern wurden durch Gesänge der Schüler bereichert. Der Gesangsunterricht war mir eine große Qual. Zwar war ich in der Tertia wie ganz allgemein die Tertianer wegen der Stimmänderung vom Singen befreit, aber da ich erst später mutierte, wurde die Befreiung für mich verlängert. Doch war auch so die Qual des Gesangsunterrichts für mich noch groß und lang genug. Der Lehrer war ein Volksschullehrer, ein alter Feldwebel, der wie ein friderzianischer Unteroffizier schimpfte: "Ich hau euch in die Rotzbatterie, daß der Rotz euch sektionsweise zum Hintern hinausfliegt." Das war so eines seiner Kraftworte, und dabei warf er ein paar von uns hinter den Ofen, wo sie, nicht gerade unglücklich und zerknirscht, den Rest der Stunde zubringen mußten.

 

Meine Lieblingsfächer waren wohl, besonders in den oberen Klassen, Lateinisch und Griechisch, zumal die Lektüren der Schriftsteller und ihre häusliche Präparation bereitete mir ein gewisses Vergnügen. Die Anschaffung des lateinischen Lexikons von Georges (kleine Ausgabe) war mir eine große Freude. Genau erinnere ich mich freilich nur noch an die lateinische Lektüre, Caesar, Tacitus, Horaz und Ovids Metamorphosen. Dagegen weiß ich nicht mehr, wie Platon, Thukydides, Sophokles, Homer auf mich wirkten. Nur Xenophons Anabasis und Hellenika sind mir in gutem Gedächtnis geblieben. Wir wurden hier von trefflichen Bünger eingeführt, der uns auch eine Zeitlang Turnunterricht erteilte, ja sich sogar die Mühe nahm, in der Zehnuhrpause Freiwillige am Gerät turnen zu lassen. Auch das machte ich gerne mit und im Springen über das Pferd zeichnete ich mich aus. Auch sonst war ich ein guter Turner, wenn es weniger auf die Kraft als auf die Gewandtheit ankam. Dagegen habe ich es als Schüler nicht zum Schwimmen gebracht und auch in späteren Jahren kaum, obwohl ich als Gymnasiast und später als Abiturient in Speyer Schwimmunterricht hatte. Sport wurde verhältnismäßig wenig getrieben. Das Fußballspielen kam damals gerade bei uns auf, doch haben wir als Schüler uns kaum daran beteiligt. Im Winter liefen wir Schlittschuhe auf einem kleinen Teich an der Lichtenthaler Allee und rodelten auch. Skisport gab es noch nicht. Dagegen habe ich mich im Wandern eifrig betätigt.

 

Reisen und Wandern, Besuche bei Verwandten

 

Von Jugend auf bin ich ein großer Wanderer gewesen. Zunächst war es die nähere und weitere Umgebung Baden-Badens, die ich, oft zusammen mit meinem Bruder Franz, durchstreifte, besonders an den sorglosen freien Samstag-Nachmittagen: Merkur, Fremersberg, Altes Schloß, Gernsbach, Varnhalt, Umweg usw. Es gab ja eine Menge der schönsten Ausflüge. Zu Lebzeiten meines Vaters wurde der Geburtstag meiner Mutter im Juli in der Weise gefeiert, daß wir einen zweispännigen Wagen, einen Landauer, mieteten, und damit einen solchen Ausflugsort besuchten, wo wir Kaffee tranken. Samstagnachmittags wurde auch öfters ein Familienspaziergang zur Kaffee-Gretel oder sonstwohin gemacht, wobei glegentlich auch Freunde mitgenommen wurden. Auch die jährlichen Schulausflüge führten uns hinaus, oft sehr weit. So sind wir mit Ausfeld bis ins , Varnhalt, Umweg usw. Es gab ja eine Menge der schönsten Ausflüge. Zu Lebzeiten meines Vaters wurde der Geburtstag meiner Mutter im Juli in der Weise gefeiert, daß wir einen zweispännigen Wagen, einen Landauer, mieteten, und damit einen solchen Ausflugsort besuchten, wo wir Kaffee tranken. Samstagnachmittags wurde auch öfters ein Familienspaziergang zur Kaffee-Gretel oder sonstwohin gemacht, wobei gelegentlich auch Freunde mitgenommen wurden. Auch die jährlichen Schulausflüge führten uns hinaus, oft sehr weit. So sind wir mit Ausfeld bis ins Glottertal gekommen, wo wir den sehr guten Wein versuchten. Mit meinem Vater habe ich Unterfranken besucht, besodners die Verwandten in Trennfurt und Mechenhard. Auch in Straßburg und Freiburg und im Höllenthal bis gekommen, wo wir den sehr guten Wein versuchten. Mit meinem Vater habe ich Unterfranken besucht, besonders die Verwandten in Trennfurt und Mechenhard. Auch in Straßburg und Freiburg und im Höllenthal bis Titisee war ich mit ihm. In den großen Sommerferien, die vom 1. August bis 10. September dauerten, durften wir zu den Verwandten fahren. Mein Vater war der Ansicht, daß 14 Tage für einen solchen Besuch genug seien. Das damals eingeführte Kilometerheft für die Eisenbahn, das aber nur im Badischen galt, erleichterte solche Reisen, da es für 1000 Kilometer bestimmt war und von beliebig vielen Person benützt werden konnte. Waren einmal noch 5 Kilometer übrig, so fuhr ich damit nach Oos und kehrte dann zu Fuß nach Hause zurück.

 

Besonders schön war für uns der Aufenthalt in Sobernheim bei Onkel und Tante Trapp. Da gab es die Bierbrauerei von Onkel Fritz, meinem Paten, Kühe und Pferde, Schweine und Hühner. Ein großes Vergnügen war es mit den Erntewagen durch die Nahe zu fahren - eine Brücke gab es damals noch nicht. As wir von Würzburg aus (1937) nach Paris fuhren, habe ich eine solche dort zum ersten Mal gesehen und auch zur Kenntnis genommen, daß das Städtchen jetzt "Bad" Sondernheim heißt. Oder wir fuhren mit dem Bierwagen in die umliegenden Dörfer, um Bier in Flaschen und Fässern zu bringen. Bei großer Hitze fuhren wir gelegentlich um 4 Uhr morgens weg und blieben oft den ganzen Tag unterwegs. Mit Onkel Fritz habe ich Kundenbesuche gemacht, wobei es darauf ankam, viel zu essen und zu trinken, um dem Wirt eine Freude zu machen; das gefiel mir natürlich, besonders wenn es Eier mit Speck gab. Von Sobernheim aus besuchte ich auch einmal bei Onkel und Tante Trapp. Da gab es die Bierbrauerei von Onkel Fritz, meinem Paten, Kühe und Pferde, Schweine und Hühner. Ein großes Vergnügen war es mit den Erntewagen durch die Nahe zu fahren - eine Brücke gab es damals noch nicht. As wir von Würzburg aus (1937) nach Paris fuhren, habe ich eine solche dort zum ersten Mal gesehen und auch zur Kenntnis genommen, daß das Städtchen jetzt "Bad" Sondernheim heißt. Oder wir fuhren mit dem Bierwagen in die umliegenden Dörfer, um Bier in Flaschen und Fässern zu bringen. Bei großer Hitze fuhren wir gelegentlich um 4 Uhr morgens weg und blieben oft den ganzen Tag unterwegs. Mit Onkel Fritz habe ich Kundenbesuche gemacht, wobei es darauf ankam, viel zu essen und zu trinken, um dem Wirt eine Freude zu machen; das gefiel mir natürlich, besonders wenn es Eier mit Speck gab. Von Sobernheim aus besuchte ich auch einmal Kreuznach und zusammen mit meiner Mutter Münster am Stein. Die Pfalz habe ich in jenen Jahrennach allen Richtungen durchwandert an Hand einer großen Karte. In diese Zeite fielen auch meine ersten literarischen Versuche, die gedruckt wurden: eine ausführliche Beschreibung einer Pfalzwanderung, die in der Beilage der Pfälzischen Presse erschienö das mag um das Jahr 1898 gewesen sein. Ein zweiter kurzer Artikel über das Gewicht der Erde ward vom Baden-Badener Tagblatt aufgenommen.. Die Pfalz habe ich in jenen Jahren nach allen Richtungen durchwandert an Hand einer großen Karte. In diese Zeiten fielen auch meine ersten literarischen Versuche, die gedruckt wurden: eine ausführliche Beschreibung einer Pfalzwanderung, die in der Beilage der Pfälzischen Presse erschien: das mag um das Jahr 1898 gewesen sein. Ein zweiter kurzer Artikel über das Gewicht der Erde ward vom Baden-Badener Tagblatt aufgenommen.

 

Ich hatte schon sehr früh die Neigung, schriftstellerisch tätig zu sein. Natürlich habe ich auch gedichtet. So arbeitete ich an einem Drama Antonius und Kleopatra, wozu ich den Plutarch in der Reclam-Übersetzung studierte; an einer metrischen Übersetzung von -Übersetzung studierte; an einer metrischen Übersetzung von Vergils Aeneis, machte Gedichte zu Neujahr und zu Familienfesten und Balladen. Auch die Sagen, die in der Badener Trinkhalle in Fresken dargestellt sind, wollte ich dichterisch behandeln. Das ist, Gott sei Dank, alles verloren gegangen. Auch mit einem Schülerkommentar zu , machte Gedichte zu Neujahr und zu Familienfesten und Balladen. Auch die Sagen, die in der Badener Trinkhalle in Fresken dargestellt sind, wollte ich dichterisch behandeln. Das ist, Gott sei Dank, alles verloren gegangen. Auch mit einem Schülerkommentar zu Caesars Gallischem Krieg habe ich als Gymnasiast begonnen. Mit weiteren Veröffentlichungen habe ich gewartet, bis zum Ende meiner Studentenjahre, bis zum Jahr 1906. Dann habe ich ohne Unterbrechnung Schlag auf Schlag bis zum heutigen Tag geschrieben und publiziert, so daß wohl in diesen 40 Jahren (vom 1. Weltkrieg, besonders der Zeit von 1917-19 abgesehen) kein Zeituraum nachzuweisen ist, in dem nicht irgendein Manuskript im Druck war. Wenn ich alles zusammen zähle, Zeitungsartikel, Zeitschriftenaufsätze, Beiträge zu Sammelwerken und Enzyklopädien, Rezensionen, selbständige Bücher, so zählen meine gesamten Opera und Opuscula rund 600, also etwa 15 pro Jahr. Das weitaus meiste habe ich aus dem Brand gerettet, nur die Mehrzahl der Zeitungsartikel fehlt mir. habe ich als Gymnasiast begonnen. Mit weiteren Veröffentlichungen habe ich gewartet, bis zum Ende meiner Studentenjahre, bis zum Jahr 1906. Dann habe ich ohne Unterbrechung Schlag auf Schlag bis zum heutigen Tag geschrieben und publiziert, so daß wohl in diesen 40 Jahren (vom 1. Weltkrieg, besonders der Zeit von 1917-19 abgesehen) kein Zeitraum nachzuweisen ist, in dem nicht irgendein Manuskript im Druck war. Wenn ich alles zusammen zähle, Zeitungsartikel, Zeitschriftenaufsätze, Beiträge zu Sammelwerken und Enzyklopädien, Rezensionen, selbständige Bücher, so zählen meine gesamten Opera und Opuscula rund 600, also etwa 15 pro Jahr. Das weitaus meiste habe ich aus dem Brand gerettet, nur die Mehrzahl der Zeitungsartikel fehlt mir.

 

Als etwa 13jähriger habe ich mich in Sobernheim zum ersten Mal verliebt, in Elsbeth Schmidt, eine Freundin meiner Base Ilse Trapp, die zu Besuch bei meiner Tante weilte. An einem Sonntag Abend brach im Dorf ein Brand aus, und ich beteiligte mich eifrig beim Löschen, indem ich Wassereimer schleppte; dabeihatte ich meinen schwarzen Konfirmationsanzug an, den ich sonntags trug, mit langen Hosen. Da ich erst spät nach Hause kam, hatte man Angst, es könnte mir etwas geschehen sein, und Elsbeth hielt mir eine Art von Leichenpredigt, indem sie traurig zu meiner Mutter und zur Tante sagte, es täte ich so leid, ich sei gerade heute so nett gewesen. Und als meine Mutter fragte, ob ich das denn nicht immer sei, meinte sie, ich neckte und ärgerte sie so oft. - Als ich nach einiger Zeit wieder abreiste, begleiteten Tante Elise und Elsbeth uns zur Bahn, und als ich von der Geliebten Abschied nahm und ihr die Hand reichte, sagte die Tante: "Zum Abschied küßt man sich auch". Ich näherte drauf meinen Mund dem des Mädchens; da stießen unsere Nasen zusammen und aus meinem ersten Kuß ist nichts geworden. Seitdem weiß ich, daß man den Kopf etwas schief halten muß.

 

Tante Elise in Sobernheim war die älteste Schwester meiner Mutter und mit dem Bierbrauer Trapp verheiratet. Nachdem das erste Kind, ein Junge, früh gestorben war, hatten sie noch eine Tochter, Ilse. Der etwas robuste Schwiegersohn war nicht so ganz nach dem Geschmack meiner zart besaiteten Großmutter Karsch, aber die energische Tochter Elise setzte ihren Willen durch und beide paßten auch vorzüglich zusammen. Sparsam und arbeitsam haben sie beide die Brauerei wieder zur Blüte gebracht. Die Tante erzählte mir oft, wie sie im Zimmer neben der Toreinfahrt der Brauerei saß und acht gab, daß kein Bier unbezahlt geholt wurde, wie das oft vorher geschah. Sie selber war bis zum Geiz sparsam. "Geiz ist ein gesundes Laster und läßt zu Jahren Kommen", sagten wir Kinder oft von ihr nach Scheffels Ekkehard.

 

Trapps hatten sich bei diesen und andern Eigenschaften ein schönes Vermögen erworben. Sie verkauften ihre Brauerei und Ländereien, da Onkel Fritz leidend wurde und zogen nach Baden-Baden, wo wir ja auch wohnten. Onkel Fritz war schwer krank, auch gemütskrank. Eine Zeit lang war er auch in der Nervenheilanstalt Illenau bei Achern. Einmal war er auch längere Zeit in Badenweiler und auf einer Wanderung durch den Schwarzwald besuchte ich ihn auf seinen Wunsch dort und er lud mich ein, einige Tage bei ihm in seiner Pension zu bleiben. Das muß um 1900 gewesen sein, als ich Primaner war. Damals habe ich auch den Belchen und Blauen bestiegen. Da alle Kuren bei Onkel Fritz nichts halfen, holte Tante Elise ihren Mann wieder nach Baden-Baden. Dort ist er in der Lichtenthaler Allee bei einem Spaziergang von einem durchgehenden Pferdefuhrwerk überfahren und durch die Pferde tödlich verletzt worden, so daß er ein paar Tage später starb.

Er war mein Pate gewesen, nach welchem ich auch den Namen Friedrich erhielt. Ein durchaus praktischer Mann, Teilnehmer des Krieges 1870, von dem uns er oft erzählte und wo er auch verwundet wurde, ein begeisterter Bismarckvereherer.

 

Sehr gerne verbrachten wir auch die Ferien in Lambrecht in der Pfalz, bei Onkel und Tante Kölsch; Onkel Reinhard besaß zusammen mit seinem Bruder eine , bei Onkel und Tante Kölsch; Onkel Reinhard besaß zusammen mit seinem Bruder eine Tuchfabrik, die aber nicht recht zur Blüte kam. Der Onkel war kein praktischer Geschäftsmann. Er war Reserveoffizier, ein vorzüglicher Gesellschafter und Plauderer, der viel lieber in Büchern las, als daß er im Geschäft arbeitete. Obwohl er das ganze Vermögen seiner Frau in die Firma hineinsteckte, sogar auch noch Geld von den Schwägern, auch von meinem Vater, lieh, mußte, die aber nicht recht zur Blüte kam. Der Onkel war kein praktischer Geschäftsmann. Er war Reserveoffizier, ein vorzüglicher Gesellschafter und Plauderer, der viel lieber in Büchern las, als daß er im Geschäft arbeitete. Obwohl er das ganze Vermögen seiner Frau in die Firma hineinsteckte, sogar auch noch Geld von den Schwägern, auch von meinem Vater, lieh, mußte schließlich der Bankrott erklärt werden. Tante Elise Trapp war seit dieser Zeit immer gegen ihre Schwester Marie gereizt, da auch sie 10.000 Mark verloren hatte. Sie nahm es den Kölschs übel, daß sie in ihrem eigenen schönen Häuschen mit Blumengarten auf dem Kupferhammer in Lambrecht saßen, während sie selbst und ihr Mann hart hatten arbeiten müssen, und ein besonderer Dorn im Auge war ihr die Tatsache des musischen Lebens, das sich auf dem Kupferhammer abspielte, wo man sonntags gemütlich in der Zeitschriftenmappe las, auf die man sich abonniert hatte, Tante Elise hat auch die 10.000 Mark nie verschmerzt, und es war für uns, ihre Neffen und  Nichten, ein besonderes Vergnügen, bei Gelegenheit immer wieder das Gespräch auf Tante Elise auf diesen herben Verlust zu lenken. Später mußten die Kölschs ihr Haus verlassen und sie zogen in Miete in die Wallonenstraße,  wo dann Onkel Reinhard bald gestorben ist. Als ich 1903 in München studierte, kam er auf einer Geschäftsreise noch einmal dorthin - und da lud er mich üppig zum Nachtessen mit anschließenden Likören und Kaffee ein, auch dies ein Stein des Anstoßes für die sparsame Tante Elise, als ich freudig davon erzählte.

 

Die jüngste Schwester meiner Mutter, Tante Luise, war mit Fritz Kammerer (geb. 20.06.1859) verheiratet, der als Finanzgerichtspräsident a. D. am 5. Mai 1939 gestorben ist. Er war der Lieblingsonkel seiner Schwester Luise. Als Kammerers noch in Speyer waren, in meiner Jugend, haben wir auch sie des öfteren besucht; für mich war dies aber weniger reizvoll als der Aufenthalt in Sobernheim oder Lambrecht. Später war Onkel Fritz in Bayreuth, Berlin und München tätig. Bei einem Besuch in Bayreuth hat Luise Emil Rehm kennen gelernt und

sich mit ihm verlobt.Im Jahre 1910 wohnte ich einen Monat lang bei Kammerers in Berlin in der Fasanenstraße, als ich auf der Staatsbibliothek arbeitete, um die Literatur zum Alexanderroman zu sammeln. Als Abiturient fuhr ich mit dem neu erworbenen Rad nach Speyer, bei Regenwetter, wobei das Karbid der Radlampe feucht wurde, so daß ich bei meiner Ankunft, naß und beschmutzt und nach Knoblauch riechend, einen solchen Eindruck machte, daß mich das Mädchen gar nicht hineinlassen wollte. Da damals Tante Luise mit den Kindern verreist war, haben wir allein, Onkel und ich, sehr schöne Tage verbracht. Tagsüber war Onkel Fritz aus seinem Büro, abends machten wir eine Radtour und rauchten dann eine Tonpfeife zusammen. Auch Schwimmunterricht habe ich damals noch einmal im Rhein genommen, auch dieses Mal mit geringem Erfolg.

 

Von Heidelberg aus haben Mutter, Franz und ich einmal zu Silvester Kammerers in Speyer aufgesucht, um dort die übliche Silvesterbowle zu trinken. Bei Kammerers ging es am kultiviertesten zu von allen unseren mütterlichen Verwandten, daher war es für mich auch am langweiligsten dort, während meine Schwester Luise sich dort am wohlsten fühlte. Onkel Fritz konnte gut singen und hatte schöne gesellschaftliche Talente, die sich besonders in seiner Bayreuther Zeit entfalteten. Ein Mangel an Kammerers war, daß sie sich schwer zum Briefschreiben aufschwangen, was zu manchen Verstimmungen bei meiner Mutter führte, aber wenn man bei ihnen war, machten sie alles durch persönliche Liebenswürdigkeit wieder gut.

 

Vater und Mutter

 

In der Frühe des 24. Dezembers 1897 starb mein Vater. Er war ja in den letzten Jahren leidend gewesen. Seiner Ernäherung wurde besondere Sorgfalt gewidmet. Er war kein großer Esser und hatte oft Appetitmangel. Abends erhielt er meist ein Beefsteak, schon um 6 Uhr, und ging dann oft zu einem kleinen Abendschoppen in jenen Dezembertagen war gerade unser Hausarzt verreist und ein Vertreter bestellt, als sein Zustand sich etwas verschlimmerte. Er ist ruhig und unbemerkt in der Frühe des Weihnachtstages eingeschlafen, und meineMutter hörte im Bett nur seinen letzten Atemzug. Dann kam sie in unser Schlafzimmer: "Kinder, Euer Vater ist tot". - Der Weihnachtsbaum stand schon geschmückt im Wohnzimmer und wurde dann einer armen Frau geschenkt. Der Vater liegt auf dem Friedhof in Baden-Baden begraben; es wurde auch gleich Sorge getragen, daß das Grab meiner Mutter ebenfalls später dort Platz finden konnte.

 

Meine Mutter war damals, nach 17jähriger Ehe 37 Jahre alt, Luise 16, ich 14 und Franz 10. Meine Mutter erhielt ihre Witwen-Pension und dazu die Zinsen des schönen Vermögens von rund 80.000 Mark. Mein Vater hatte noch zu Lebzeiten das Haus in Kaiserslautern verkauft, wenn ich mich recht erinnere, um 18 - oder 20.000 Mark. Zum Teil war das Vermögen in mündelsicheren Papieren angelegt, zum Teil auch auf Hypotheken ausgeliehen, was höhere Zinsen bot. Auch meine Mutter führte diese Hypothekenwirtschaft, die ja auch Arbeit und Sorge verursachte, als Witwe weiter und hatte sich dabei des guten Rates unseres alten Freundes Beuttenmüller, der unser Vormund wurde, zu erfreuen; er kannte als Stadtrat und guter Geschäftsmann die Verhältnisse der Schuldner genau und war meiner Mutter bei der Neuanlage der Kapitalien immer behilflich. So war für unsere Zukunft gesorgt. Meine Mutter war selbst sehr sparsam wie auch mein Vater, aber auch großzügig, wenn es sein mußte, und hatte z. B. für meine Reisen immer Geld, und sie hat es mir ermöglicht, nach meinem Examen 1906 und 1908 noch mehrere Jahre als Privatgelehrter zu leben, bis ich mich 1912 habilitierte, und als Privatdozent konnte man dann immer noch nicht auf festes Einkommen rechnen. Als ich Student war, hat sie mir pro Monat 150 Mark zur Verfügung gestellt (ohne Kolleggeld usw.), einen sehr guten Wechsel, wie ihn von meinen Vereinsbrüdern keiner hatte. Aber wenn sie mittwochs oder samstags früh morgens auf den Markt bei der katholischen Stiftskirche ging, bedeutete es für sie einen großen Unterschied, ob sie zwei Eier zu 11 oder zu 13 Pfennigen bekam, und es wurde kräftig gehandelt. Bis zur Übersiedlung in die Römerstraße in Heidelberg nach Luisens Hochzeit hatten wir immer ein Dienstmädchen. Dies fiel von 1905 ab weg, da mit Luisens Mitgift das Vermögen sich verringerte und Franz auch bald zu studieren anfing, die Kosten sich also steigerten. Meine Mutter hatte den festen Grundsatz vom Vater übernnommen, daß in jedem Jahr etwas gespart werden müßte und daß auf keinen Fall das Vermögen angegriffen werden durfte, dies letztere nur in besonderen Fällen wie bei meiner Griechenlandreise im Jahr 1906, wo sie mir von meinem väterlichen Vermögen 1800 Mark zur Verfügung stellte. Dabei legte sie Wert darauf, daß wir Kinder tadellos gekleidet waren, und Gehrock und Frack und die dazugehörige Wäsche mußten von bester Qualität sein. Das Tuch zu dem jedes Jahr zu beschaffenden neuen Anzug suchte sie stets in langer Prüfung selbst aus, oft liessen wir Stoffmuster von auswärts kommen. Ein solcher Anzug kostete damals etwa 80 Mark.

 

Nach dem Abitur durfte ich mir von dem Patengeld meines Sparkassenbuches ein Fahrrad anschaffen, das damals noch 250 Mark kostete. Auf ihm habe ich mit Hilfe des damals in Baden-Baden zu Besuch weilenden Bräutigams meiner Schwester die ersten Fahrradversuche in der Lichtenthaler Allee gemacht. Für Bücheranschaffungen meinerseits hatte meine Mutter immer Geld, und noch als ich in Würzburg Ordinarius war, hat sie mir gelegentlich zu Weihnachten ein paar hundert Mark zum Einbinden von Büchern geschenkt. Daß ich ihr meine Dissertation, den ersten Band des Reliquienkultes, widmete, hat sie sehr gefreut und sie bemühte sich, das ganze Buch mit allen Anmerkung zu lesen, gewiß eine qualvolle Lektüre für sie, bis sie unser Freund Dr. Köster darauf aufmerksam machte, daß dies nicht absolut nötig sei. Sie war bestrebt, unsere Jugend so schön wie möglich zu gestalten und für meine eigene Ausbildung hat sie alles getan, was sie nur tun konnte. nach dem Abitur durfte ich für sechs Wochen nach Lausanne fahren, um Französisch zu lernen, nach meinem ersten Semester mit Direktor Häussner und seinem Sohn Karl nach Ober- und Kleinasien, 1908 nach Rom (mit einem Reisestipendium von 450 Mark, das ich vom Kultusministerium in Karlsruhe erhielt), 1910 nach Berlin zur Staatsbibliothek, 1912 nach Zürch zur Brautschau.

 

Die ersten vier Semester habe ich auswärts studiert. Zwei in Heidelberg und je eines in Berlin und in München. Nach diesen Semestern siedelte meine Mutter auf meinen Wunsch nach Heidelberg über. Ich wollte auch die reichlichen Ferien in einer Universitätsstadt des Arbeitens wegen zubringen und da auch Franz bald zu studieren anfangen sollte, erwies sich dies als durchaus praktisch. So sind wir im Sommer 1903 nach Heidelberg gezogen in die Blumenstraße. Franz ging damals noch aufs Gymnasium. Auch er durfte dann vier Semester auswärts studieren, die er in München zubrachte. Er hat im Juli 1905 das Abitur gemacht. In Heidelberg habe ich dann bei meiner Mutter von Sommer 1903 bis zu meiner Übersiedlung nach Marburg im Frühjahr 1914 gewohnt, völlig sorgenlos meinen Studien lebend und wissenschaftlich arbeitend, dann auch lehrend, nachdem ich mich 1912 habilitiert hatte, ohne in dieser ganzen Zeit, von dem Assistenten-Jahr abgesehen, etwas Namhaftest zu verdienen.

 

Die Schule. Das Leben in Baden-Baden

 

Wie gesagt, die Schule wurde sehr ernst genommen und es wurde energisch gearbeitet. Wir gingen voll Angst zur Schule, wenn wir einmal nicht gut vorbereitet waren. Ein notwendig gebrauchtes Buch vergessen zu haben, war unheilvoll. Ich bin durch das Gymnasium hindurchgekommen, ohne sitzen zu bleiben und ohne Karzerstrafe, ja sogar mit ganz wenigen Arreststrafen. Im allgemeinen mochten mich die Lehrer gerne, nannten mich oft Pfisterle und nahmen auf meine Eigenschaften Rücksicht, auch auf mein temperament. "Sein Quecksilbrigkeit gab nicht selten Anlaß zu Störung des Unterrichts", schrieb mir einmal Prof. Bünger ins Zeugnises wurde von meinem Vater übel vermerkt; es war wohl in Quarta oder Untertertia. Zweimal ließ ich mir in Quarta und Untertertia etwas Besonderes zu schulden kommen. Das eine Mal wurde ich mit meinen zwei Freunden Otto Koch und Otto Hertzberg vom Feldhüter zur Anzeige gebracht: Den Rückweg von der Schule machten wir zur Obstzeit über die Höhe und die Felder nach Hause und plünderten dabei die Obstbäume, von den Kirschen bis zu den Birnen und Äpfeln. Dabei wurden wir einmal vom Feldhüter erwischt, aufgeschrieben und der Schule gemeldet, die uns mit zwei Stunden Arrest bestrafte. Der eine Lehrer nannte uns noch wochenlang "Feldfrevler". Das andere Mal verstellten wir das kleine Stauwerk des Baches, durch welches das Freibad in der Seufzeralle gespeist wurde, so daß kein Wasser mehr in Bad floß. Als der Polizist kam, nahmen wir Reißaus, aber Hertzberg ließ seinen Katechismus am Tatort liegen und so kam die Sache auf und wir erhielten wieder unsere zwei Stunden Arrest.

 

Wenn ich einmal nicht gut vorbereitet war, hatte ich immer in der Schule große Angst, besonders bei Ausfeld, er  möchte mich "drannehmen" und noch bis zur Gegenwart habe ich immer gelegentlich einmal Angsträume, daß ich meinen Tacitus nicht recht übersetzen könnte. Merkwürdigerweise spielt in diesen Träumen neben Ausfeld gelegentlich auch Wilamowitz die Rolle des Lehrers, bei dem ich ja nie im Seminar war, oder Diels, bei dem ich nur einmal (in Berlin) ein Seminar über Aischylos "Eumeniden" mitgemacht habe.

 

Baden-Baden als internationaler Kurort bot auch dem Schüler mannifache Ablenkung und Zerstreuung, aber auch viel Lehrreiches. Damals spielte noch der Internationale Klub eine Hauptrolle im Kurleben, und im Sommer wimmelte es von reichen Russen, Amerikanern, Engländern und Franzosen. Zumal in der Zeit der Ifferheimer Rennen, Ende Juli und Anfang August, war immer etwas los: Bengalische Beleuchtungen, Fontaine lumineuse, Feuerwerk, Aufstieg von Freiballons, Doppelkonzerte, Kunstradfahrer, jeden Abend Treffen der internationale Gesellschaft im Kurgarten bei Konzert alle in großer Toilette. Auch wir Primaner durften diese Promenade besuchen, wenn es auch nicht gerade gerne gesehen wurde, und wir machten eifrig Gebrauch davon, mit möglichst hohem Stehkragen, weißer Weste und Spazierstock (möglichst dünn, mit silbernem Griff), und promenierten dort zwei Stunden lang in der großen Gesellschaft, sachverständig die Schönheiten und ihre Kleider mustern und möglichst blasiert aussehend.

 

Besonders prunkvoll war der Blumenkorso, den wir natürlich nur zusehend genossen, in der Lichenthaler Allee mit fabelhaftem Aufwand an schönen Wagen und Pferden, ostbaren Blumen und schönen Frauen aus allen Weltteilen. Ebenso schöne Gespanne sah man nach dem Ifferheimer Rennen, wenn abends die Zuschauer zurückkehrten und in die Lichtenthaler Allee einfuhren. Auto gab es ja damals noch nicht, Ende der 90er Jahre. Einmal bin ich auch von meinem Vater zum Rennen mitgenommen worden später bin ich noch öfteres dort gewesen: Auch hier ein großartiges internationales Treiben, und die Rennpferde selbst kamen aus aller Herren Länder. Iffezheim war ja einer der bekanntesten Rennplätze und beim wichtigsten Rennen betrug der Preis 100.000 Mark und einen Goldpokal.

 

Der Luxus in den großen Hotels war außerordentlich, besonders das Hotel Stephanie in der Lichtenthaler Allee zeichnete sich aus, wo die russischen Fürsten und amerikanischen Millionäre abstiegen. Als Dependence war hier ein eigener Fürstenpavillon vorhanden. Im internationalen Klub wurde auch gespielt. Auf der Promenade wurde der kostbarste Schmuck zur Schau getragen, und ide Damen trugen auch in der Allee ihre großen Schleppen, die sie, zum Ärger meiner Mutter, oft staubaufwirbelnd nach sich zogen. Selbstverständlich sah man nur lange Kleider, die bis zum Boden reichten und beim Gehen gerafft werden mußten. In den 90er Jahren kam uach die Wespentaille auf und die riesigen Puffärmel, die sich um den Oberarm aufbauschten, riesige Hüte mit wallenden Straußenfedern, wilhelminischer Prunk. in der Lichtenthaler Allee zeichnete sich aus, wo die russischen Fürsten und amerikanischen Millionäre abstiegen. Als Dependence war hier ein eigener Fürstenpavillon vorhanden. Im internationalen Klub wurde auch gespielt. Auf der Promenade wurde der kostbarste Schmuck zur Schau getragen, und die Damen trugen auch in der Allee ihre großen Schleppen, die sie, zum Ärger meiner Mutter, oft staubaufwirbelnd nach sich zogen. Selbstverständlich sah man nur lange Kleider, die bis zum Boden reichten und beim Gehen gerafft werden mußten. In den 90er Jahren kam auch die Wespentaille auf und die riesigen Puffärmel, die sich um den Oberarm aufbauschten, riesige Hüte mit wallenden Straußenfedern, wilhelminischer Prunk.

 

Mitten in diesem internationalen Treiben und den genießenden Fremden wuchs auch die badener Schuljugend auf. Sie sah allenthalben reiche Nichtstuer und lernte es als erstrebenswertes Ziel, es einmal zu einem gleichen Leben zu bringen. So war mein Freund Hitzler,der geborene Renter, wie wir ihn nannten, der, von Haus aus vermögend, erst in der Inflationszeit Geld zu verdienen beginnen mußte und da in den Staatsdienst einschauliches Dasein geführt hatte. Oder mein Freund Fritz Barth, der, im gleichen Alter wie ich stehend lange nach mir das Abitur machte und den ich 1918-19 in Tübingten, wo ich bereits Extraordinarius war, als stud. med. traf, nachdem er vorher erfolglos Jurisprudenz studiert hatte; da war er doch 36 Jahre alt. Oder Hermann, der Sohn unseres alten reichen Hausfreundes; ebenfalls Jurist. Er assoziierte sich später mit unserem Klassengenossen Staudacher, unserem Primus, als Rechtsanwalt, um ihm die meiste Arbeit überlassen zu können und selbst nur die Repäsentation zu übernehmen. Beide hatten gemeinsam ein Büro, das der Vater Beuttenmüller prunkvoll eingerichtet hatte, in dem im Hintergrund der arme aber begabte Staudacher die Arbeit leistete, während Beuttenmüller ein wenig dichtete und komponierte und den Lebemann spielte. Eine Operette ist einmal von ihm aufgeführt woerden. Da er auch Autogramme sammelte, schrieb er an lebende Dichter und bat um Überlassung eines Gedichtes für eine von ihm geplante Anthologie, die auch erschienen ist. So vermehrte er seine Autogrammsammlung und erwarb sich zugleich billigen literarischen Ruhm. Als sein Compagnon Staudacher starab, zog Beuttenmüller sich als juistischen Beirat auf die Brauerei seines Schwagers irgendwo in Würrtemberg zurück, wo er nicht gerade sehr angestrengt arbeiten mußte.

 

Die Bevölkerung Baden-Badens, soweit sie zur "Gesellschaft" gehörte, zerfiel in drei Gruppen. Das waren einmal die Einheimischen, meist Hoteliers und reiche Einzelkaufleute, diese verkehrten meist unter sich. Dann die zugewanderten Pensionisten,  meist höhere Beamte und Offiziere, von denen man einige zufällig auf der Promenade kennen lernte. Und schließlich die vorübergehend anwesenden Fremden, die meist weniger zur Kur als des Vergnügens wegen anch Baden kamen; sie wechselten natürlich immer wieder. Die Söhne der zwei ersten Gruppen besuchten das Gymnasium oder (wie meist die Hoteliers- und Kaufmannssöhne) die Oberrealschule. Dazu kamen einige Söhne von Beamten, die in Baden selbst in Dienst waren, die sich aber vielfach aus Gesundheitsrücksichten hierher hatten versetzen lassen. So war das Schülermaterial nicht einheitlich und schwierig. Auch ein paar Bauernbuben aus der Umgebung, meist katholisch, kamen hinzu. In der Prima waren immer auch ältere Schüler, die sonst nicht gut getan hatten und nun in Baden das Abitur machen sollten. So trat eines Tages, als wir in Unterprima waren, in die Oberprima ein Abenteurer ein, Harder, der sich jahrelang als Seemann umhergetrieben hatte und einen kleinen Affen von seinen Reisen mitbrachte, ein wüster Rauf- und Trunkenbold, der auch in unserer Gymnasiastenverbindung eine Rolle spielte und später an der Technischen Hochschule in Karlsruhe studierte, wo er im Duell fiel. Auch ein Hans Adam v. Wedel beehrte unsere Klasse für ein Jahr mit seinem Besuch und verschwand dann wieder, während der Prinz von Sayn-Wittgenstein es mehrere Jahre bei uns aushielt und auch das Abitur mit uns machte. Zwei Brüder Prittwitz-Gaffron besuchten ebenfalls zu meiner Zeit das Gymnasium. Der ältere, eine Klasse unter mir, wurde später als Jurist Bonner Borusse und war während des 1. Weltkrieges Adjutant bei Tethmann-Hollweg und während der Republik Gesandter in Washington. Auch der Dichter und Homerübersetzer Thassilo von Scheffer ging, ein paar Klassen über mir, in unser Gymnasium.

 

So war auch unsere Klasse gemischt, doch das einheimische Element überwog. Der alte Ausfeld hat uns oft, wenn er zornig war, als "Kellnerbande" angeschrien. Aus dieser Mischung konnte auf dem Badener Promenadenpflaster nicht viel Gutes entstehen. Und so hat es auch keiner von meinen Mitabiturienten über einen mäßigen Durchschnitt hinausgebracht, viele sind daruntergeblieben, wie der an sich begabte Herbert Ausfeld, der verkommen ist. Auch Karl Häussner, der Sohn des Direktors, der immer Mitbewerber um den ersten Platz in der Klasse war und geistig gewiß über dem Durchschnitt stand, hat es nur zu einer Durchschnittsbeamtenstellung als Jurist gebracht. Das Leben in Baden war ja für ein paar Jahre sehr schön, aber als ich nach dem Abitur in Heidelberg, Berlin und München gewesen war, zog es mich nicht mehr in die faule Bäderstadt zurück, um dort die Universitätsferien zu verbringen, sondern ich bewog meine Mutter, noch Heidelberg zu ziehen.

 

Das ständige Leben am Rande eines solchen bewegten Verkehrs hatte seine Gefahren, denen viele erlagen, hatte aber auch seine guten Seiten, da man von ferne Einblick in mancherlei Verhältnisse und Existenzen gewann. Zum  mindesten lernte man die Bewunderung vor Eleganz abstreifen und lernte sich wie selbstverständlich in solcher Gesellschaft bewegen. Wir Primaner selbst legten Wert auf schöne bunte und gestickte oder weiße Westen, auf hohe Stehkragen und geschmackvolle Krawatten, auf Panamahüte und dünne Spazierstöcke, auf gut sitzenden Gehrock und Frack.

 

Einen weiteren Schliff erhielten wir als Oberprimaner im Winter 1900/01 durch die Tanzstunde beim Tanzmeister Bittler. Einige von meiner Klasse und einige aus der oberrealschule taten sich zusammen, die Damen waren Hoteliers- und Kaufmannstöchter. Die Antrittsbesuche bei den Müttern der Damen machte ich mit Hitzler zusammen. Meine Mutter hatte mir noch eingeschärft, nur ja den Mantel beim Besuch abzulegen. Als ich aber Hitzler abholte, sagte seine Mutter, es handle sich ja um einen "Blitzbesuch", und wir sollten die Mäntel anbehalten. Dieser Ausdruck imponierte mir und wir handelten danach: zum Ärger meiner Mutter, die es gleich durchschaute: Frau Hitzler habe dies ihrem Sohn nur deshalb geraten, weil er einen schönen neuen Mantel hatte.

 

In der Tanzstunde lernten wir Walzer, Polka, Galopp, Rheinländer, Quadrille, Lancier, Menuettwalzer usw. Die weißen Handschuhe durften wir nie ablegen, die Damen waren nur leicht zu umfassen. Und die Damen selbst waren in ein Korsett gesteckt, so daß wir nur das Fischbein zu fühlen bekamen. Erst kurz vor dem Weltkrieg fing man an zu merken, da das Korsett allmählich wegfiel, daß unter dem Kleid ein lebendiger Körper steckte, was zunächst erstaunlich war, aber bald als selbstverständlich freudig aufgenommen wurde. Während der Tanzstunde schauten immer mehrere Mütter zu, auch die meinige war meist dabei, auch meine Schwester tanzte öfters mit. Meherere große Bälle wurden eingeschoben und bildeten den Abschluß, so Einladungen in den Hotels, die Töchter gestellt hatten. Da ging es pompös zu mit Nachtessen und Sekt. Der Saal des Hotels Hirsch mußte drei Tage lang zuvor Tag und nacht geheizt werden. Beim Schlußball hielt ich die Damenrede, in Versen, die erste, der später unzählige gefolgt sind.

 

Meine Lieblingsdame war Anna Kah, Tochter des Besitzers des Badener Tageblatts. Sie war ziemlich rundlich, litt später an Fettsucht und hat deshalb auch nie geheiratet. Sie war gewiß nicht meine erste Liebe, vielleicht die 6. oder 7. - An eine Töchterschülerin erinnere ich mich noch, Elisabeth Hess, der ich jahrelang in respektvoller Entfernung auf ihrem Schulweg nachfolgte, die ich aber nie gesprochen habe. Einmal, an Fastnacht, schnitt ich ihr, maskiert, auf der Straße ein Stückchen ihres braunen Zopfbandes ab und trug es längere Zeit im Knopfloch, und ein Stück Papier, von ihrer Hand beschrieben, das ich durch Vermittlung des Bruders einer ihrer Mitschülerinnen erhielt, bewahrte ich lange Zeit als Reliquie auf. Sie ist später Schauspielerin geworden.

 

Als Oberprimaner habe ich zum ersten Mal einen großen Maskenball mitgemacht, den Rosenmontagsball in den Räumen des Kurhauses in Baden. Nach dem Grundsatz meiner Mutter, der für die damlaige Zeit wohl richtig war, daß Herrn nur im Frack oder Domino erscheinen dürften, zog ich en Frack an und ich erinnere mich, daß ich möglichst blasiert aussehen wollte. Auch meine Mutter, Luise und Theodor Krafft waren mitgegangen.

 

Auch sonst spielte der Fasching in unserem Gymnasiastenleben eine große Rolle, insofern wir am Fastnachtsdienstag rudelweise maskiert die Stadt nachmittags durchzogen und Bekannte, besonders die Eltern der Freunde, aufsuchten, wobei wir jedesmal bewirtet wurden. Auch mein Mutter hatte immer einen Waschkorb voll Fastnachtsküchle gebacken, in schwimmendem Fett, und wenn wir aus der Schule nach Hause kamen, konnten wir die ersten versuchen. Zum Mittagsessen vertilgte ich dann bis zu 20 und 25 Stück mit Dörrobst oder Weincreme. Besondere Erfolge hatte ich an Fastnacht mit meinen Maskierungen zweimal, als ich als Mädchen verkleidet war, einmal während des Burkrieges, etwas um 1900, in der Gestalt der Lady Smith, in Anspielung auf jene Ereignisse, dann ein anderes mal in einem Biedermeierkleid. Von meiner Schwester lernte ich dazu auch, einen guten Knix und andere anmutige Bewegungen zu machen. Noch als Student bin ich bei Aufführungen öfters in Mädchenrollen aufgetreten, bis meine schärfer gewordenen Züge solches nicht mehr zuließen.

 

Die Primaner hatten die Erlaubnis, jeden Sonntag abends auszugehen, wofür drei Gasthäuser bestimmt waren. Dabei durfte auch geraucht werden. Gelegentlich hielten wir auch unsere Kneipabende abwechselnd zu Hause ab, wofür meine Mutter großes Verständnis zeigte. Sie hat solche auch später in Heidelberg für unsern Philologischen Verein besonders schön zu gestalten gewußt. Einmal haben wir an einem solchen Kneipabend bei uns zu Hause in Baden auch einige Szenen eines Lustspiels von Fulda aufgeführt, wo ich wieder in einer Mädchenrolle auftrat. - Daneben bestand noch eine (steng verbotene) Gymnasiastenverbindung, die in einem Keller beim Hofphotographen Witte zusammenkam. Der Sohn Arthur Witte ging in unsere Klasse. Dort ging es studentisch zu, mit Band und Mütze, Komment und Kommersbuch, und es wurde lästerlich gesoffen. Auch ich war als Gast, als Konkneipant, beigetreten, einer der wenigen aus meiner Klasse, die meisten waren Schüler der Oberrealschule. Einmal haben wir einen Kameraden, der total betrunken war, auf den Schultern durch die Lichtenthaler Allee nachts in seine Wohnung am Eingang der Seufzerallee heimgetragen. Meine Mutter und meine Schwester, die von diesem verbotenen Treiben etwas ahnten, zumal da ich, wenn ic hdiese Kneipe besuchte, erst um Mitternacht oder noch später nach Hause kam, machten mir große Vorhaltungen, aber ich war stolz drauf, dieser Corona für würdig gehalten zu werden.



Bildung


Für Ablenkung von der Schule war also in Baden genügend gesorgt. Zu den Promenadenkonzerten kamen noch, besonder im Winter, die Saalkonzerte, dazu noch in jedem Winter zwölf große Abonnements-Konzerte mit auswärtigen Künstlern, die ich auch öfters mit Mutter und Schwester besuchte, und das gute Theater, das von der Karlsruher Hofbühne aus besorgt wurde. Auch nach Karlsruhe sind wir gelegentlich einmal mit der Schule gefahren. Auch Vorträge von auswärtigen Rednern wurden im Vortrag über Dante von Paul Pochhammer, der mich zu weiterem Studium der Divina Commedia anregte. Ich habe dann selbst als Primaner im Familienkreis, dem auch mein künftiger Schwager Emil angehörte, Vorträge über Dante und Goethes Faust gehalten.

Goethe trat wohl in Unterprima in mein Leben. Ich gab damals einem Hotelierssohn, Rössler vom Holländischen Hof, Privatunterricht und von dem mühevoll verdienten Geld schaffte ich mir eine zehnbändige, rotgebundene, ziemlich umfangreiche Goetheausgabe an, die mir bis zuletzt gedient hat - auch sie verbrannte am 16. März 1945. Ich habe die Bände damals eifrig durchstudiert und den ersten Teil des Faust soweit auswendig gekonnt, daß ich fortfahren konnte, wenn ein Vers daraus zitiert wurde. Vorher hatte ich bereits Lessings Laokoon und die Hamburgische Dramaturgie, eingeführt durch unsern trefflichen Professor Hermann, mit ganz besonderer Liebe gelesen. Daß wir Lessings Dramen, Schiller und Körner gut kannten, war selbstverständlich. Voher vertieften wir uns in Scheffel. Von Hebbel hörten und lasen wir einiges wohl auch von Grillparzer und Kleist, Shakespeare las ich ohne Neigung. Die neueste Literatur trat ganz zurück. Nietzsche habe ich erst als Student, Rilke erst im Weltkrieg kennengelernt. Für Karl May waren wir natürlich in jüngeren Jahren, so als Tertianer, aber auch später noch, begeistert.  Don Quichote habe ich auch früh gelesen. Tolstoi muß ich als Primaner wenigstens etwas kennengelernt haben; denn ich erinnere mich noch eines Gesprächs mit Onkel Kammerer über die Kreuzersonate. Gerhard Hauptmann war in meiner Gymnasiastenzeit viel umkämpft, Weber, Biberpelz, Hannele. Meine Mutter sah ihn nicht gerne auf der Bühne: So ordinäre Gestalten wie diebische Waschfrauen sehe sie im Leben genug, im Theater wollte sie andere Eindrücke erhalten. Die damals moderne Malerei sahen wir in den guten, ständigen wechselnden Kunstausstellungen der Kurverwaltung, die wir eifrig besuchten.

An Anregungen hat es also nicht gefehlt, und unser geistiges Leben neben der Schule war lebhaft genug. Wir machten auch eifrig Gebrauch hiervon, zumal ide Besseren von uns, wie meine guten Freunde Hitzler, Beuttenmüller und Münch; wir haben oft literarische und kunsthistorische Debatten geführt. Es war die Zeit de  "Jugendstils", für den natürlich auch wir begeistert waren, die Münchner "Jugend" und der "Simplizissimus" waren führende Zeitschriften, dazu auch

Maximilian Hardens "Zukunft",

die auch gelegentlich in unsere Hände kamen. Denn mit dem Kurhaus war auch eine Lesehalle verbunden, in der alle wichtigen in- und ausländischen Zeitschriften auslagen. Als Abonnenten hatten wir jederzeit Zutritt und die Sonntag-Nachmittage habe ich oft dort verbracht. Als Student hörte ich zum ersten Mal zu meiner Verwunderung durch meinen Kommilitonen Dehn und meinen Vereinsbruder Arnold (der im 1. Weltkrieg gefallen ist), daß der Jugend-Stil durchaus abwegig und verwerflich sei; er war damals langsam im Abklingen; aber die Münchener "Jugend" war auch jetzt noch eine Lieblingslektüre und ihre Bildermappen wurden angeschafft und mit ihren Einzelblättern die Studentenbude geschmückt, was von Dehn und Arnold mit spöttischem Lächeln begleitet wurde: für mich ein Anlaß, bis zu ihrem nächsten Besuch in meiner Bude noch mehr Jugendbilder aufzuhängen. Wölfflins Vorlesung in Berlin hat mich dann weitergeführt, während der Heidelberger Kunsthistoriker Thode mir nichts gab. Doch davon später.

Weibliche Erziehung

Da mein Vater frühzeitig starb, lag meine häusliche Erziehung ganz im weiblichen Händen, in denen meiner Mutter und meiner anderthalb Jahre älteren Schwester Luise. Dies war von großem Einfluß und bewirkte, daß ichz mit Frauen besser umzugehen lernte als mit Männern, wohl auch lieber. Denn es kamen auch die Freundinnen meiner Mutter und meiner Schwester hinzu, die in unserm Haus verkehrten und denen ich vorgeführt wurde. Dies nahm ich als durchaus selbstverständlich hin. Die damalige Mädchenerziehung war ja auch derart, daß der Bruder eine Rolle spielen mußte. Es war fast verpönt, daß schulentlassene junge Mädchen allein auf der Straße gingen und fast ausgeschlossen, daß sie abends ohne Begleitung  Theater oder Konzert besuchten.  Da mußte ich immer einspringen und hingeleiten und wieder abholen, Freundinnen meiner Schwester nach Hause bringen und zu uns holen. Wie oft habe ich Schwester Luise bei Besorgungen in der Stadt begleitet und dabei lernte ich als selbstverständlich, daß man der Dame die Pakete tragen  mußte und lernte auch mit ihren Freundinnen Konversation zu machen. Auch meine Mutter sollte nach dem Wunsch meines Vaters möglichst nicht allein ausgehen: "Wozu hast Du denn drei Kinder, wenn Dich niemand begleiten soll?" Ich erinnere mich noch, wie einmal meine Schwester weinend aus dem Theater nach Hause kam, da ich sie beim Abholen verfehlt hatte. Wenn wir zusammen, uns lachend unterhaltend, durch die Strassen gingen, meinte man, wie uns gelegentlich gesagt wurde, das sei ein nettes Liebespaar. Es war in den 90er Jahren auch ausgeschlossen, daß feine junge Mädchen mit jungen Herrn allein in ein Café gingen oder in einem Gasthaus speisten oder zusammen wanderten. Das Frauenstudium, mit dem sich dies alles naturgemäß ändern mußte, war ja noch ganz in den Anfängen. Gemeinsames Baden war nicht möglich, höchstens ein fußfreier Rock erlaubt, das Decolleté bei Mädchen züchtig, bei Frauen tiefer. Mehrfache Unterröcke schützten ebenso wie das Corsett; Taschentücher ins Mieder gestopft, sollten an Stelle des Busens wirken, und der Cul des Paris, den ich noch in Erinnerung habe, sollte zu dem Goetheschen Entzückungsruf hinreißen: Und sieh, da ist noch etwas rund, / da sieht kein Aug'  sich satt!
Diese weibliche Erziehung, die ich von meinem 14. bis 18. Jahre genoß, war unzweifelhaft von Nutzen für mich, denn sie verhinderte ja nicht den Verkehr mit meinen Kameraden, unter denen sich ja auch manche Wildlinge befanden, die mich anders beeinflußten, und das Kneipleben der Primaner und besonders die Schülerverbindung, über welche Mutter und Schwester entsetzt gewesen wären, wenn sie Näheres darüber gewußt hätten, bildeten ein heilsames Gegengewicht.  Auch der gelegentliche Besuch bei den unzivilisierten väterlichen Verwandten zeigte mir ganz andere Verhältnisse, als ich sie unter der weiblichen Führung zu Hause gewohnt war.

Meiner weiblichen Erziehung wurde nach dem Abiturientenexamen im Sommer 1901 durch den sechswöchigen Besuch eines Mädchenpensionats die Krone aufgesetzt! Meine Schwester Luise war, wie damals üblich, nach Absolvierung der zehnjährigen Höheren Töchterschule für ein Jahr in ein Pensionat gegangen, nachdem sie weinend von der Schule Abschied genommen hatte. Um sie zu trösten, hatte meine Mutter ihr das eingerahmte Bild ihrer Schule geschenkt, das nun über ihrem Bett seinen Platz erhielt. Das Pensionat war nach sorgfältigen Erkundigungen ausgewählt worden: die Familie Veillard in Lausanne, wo ein Jahr vorher eine Bekannte von uns gewesen war. Meine Mutter brachte Luise selbst hin, um sich von allem persönlich zu überzeugen: Und siehe, es war alles sehr gut. Und nachdem zuerst meine Schwester unter Tränen zurückgeblieben war, gefiel es ihr dann doch recht wohl. In dieser so wohlgehüteten Atmosphäre, in der meiner Schwester ohne Schaden geweilt hatte, müßte nun, so dachte meine Mutter, auch ihr ältester Sohn, der 18 1/2 Jahre alt war, gute Aufnahme finden können, ohne daß etwas für ihn zu befürchten sei, und sie schrieb, als die Zeit dazu gekommen war, an Madame Vaillard, ob sie nicht ausnahmsweise einmal einem Jüngling ihre bewährte Erziehung zuwenden wollte. Madame hatte zwar einige Bedenken, aber nachdem meine Mutter versichert hatte, was sie ja wohl mit gutem Gewissen tun konnte, daß es sich um einen wohl erzogenen Mann handele, für dessen Tugend sie sich verbürge, stimmte sie zu, und so kam ich in das Mädchenpensionat nach Lausanne, nach dem Abitur Mitte August für sechs Wochen während der Ferien, aurf die mein erstes Semester folgen sollte.Ich durfte sogar ohne mütterliche Begleitung hinfahren und einen Teil der Reise, durch die Schweiz, habe ich mit dem neuen Rad gemacht. Da mein Aufenthalt in Lausanne auch in die Ferien des Pensionats fiel, waren nur wenige Mädchen, abwechselnd zwei bis fünf, answesend, mit denen ich mich gut vertrug. Eigentlich sollten wir französisch miteinander sprechen, und Madame erteilte uns auch täglich noch eine Stunde Französisch. Im übrigenwar ich ziemlich frei und durfte in der Umgebung und am See umherstreifen, und nur zu den gemeinsamen Mahlzeiten mußte ich mich pünktlich einstellen. Mit meinem Rad habe ich manche schöne Tour gemacht und bin auch einmal in mehreren Tagen um den ganzen See herumgefahren und habe dabei auch Genf besucht. Auch den Rückweg über Bern habe ich zum Teil mit dem Rad zurückgelegt.

Dieses Rad, das ich mir nach dem Abitur von meinem Patengeld für 250 Mark kaufen durfte, habe ich dann in der Folgezeit viel benützt. Es diente mir treu bis zum 1. Weltkrieg, auch in Marburg als Dozent bin ich noch darauf gefahren, von München aus habe ich mit ihm viele Touren gemacht, im ganzen Badner Land bis an den Bodensee bin ich herumgekommen und in der Pfalz, einmal auch, im Sommer 1905, bin ich den Rhein abwärts damit gefahren. Dann habe ich erst wieder in Würzburg mit dem Radfahren begonnen, und dieses zweite Rad, das zum Unterschied von ersten nur 70 Mark gekostet hat, ist im März verbrannt. Ich möchte wohl noch ein drittes Rad besitzen.



Die Schule. Das Leben in Baden-Baden



In den letzten sechs Jahren, die wir nach Vaters Tod in Baden zubrachten, spann sich ein engverwandtschaftlicher Verkehr mit Theodor Krafft an, einem Vetter meiner Mutter, und mit Trapps, die etwas um 1901 nach Baden gezogen waren. Dazu war auch um 1899 der Verlobte meiner Schwester Luise, Emil Rehm, in unserer Familie eingetreten und er hat von Bayreuth aus, wo er als Leutnant stand, des öfteren uns in Baden besucht. Vetter Theodor war ein "schöner Mann" mit dunklen Augen und schwarzem Schnurrbart. Sonntags pflegte er nach dem Mittagessen zum Kaffee zu uns zu kommen und wir gingen dann zum Konzert in den Kurgarten. Wenn er zwischen meiner Mutter und meiner Schwester auf und ab promenierte und sie dann durch die Lichtenthaler Allee gingen, fragten sich unsere Bekannten: Meint er nun die Mutter oder die Tochter? Durch seine Vermittlung habe ich manche Bücher, besonders aus dem Teubnerschen Verlag, zum ermäßigten Preis erhalten.

Auch mit Trapps verkehrten wir viel, als sie nach Baden gezogen waren, wo ja Onkel Fritz bald starb. Einmal an Silvester, als wir zusammen mit Theodor Krafft lustig beim Punsch saßen, beschlossen wir in der Nacht noch die einsame Tante aufzusuchen, und um Mitternacht machten wir uns auf  den weiten Weg von einem Ende der Stadt zum andern in Badenscheurn, wo die Tante wohnte. Dort trommelten wir sie aus dem Bett, und sie hatte guten Humor und kochte uns Kaffee und wir aßen ihren Neujahrskuchen auf und waren so fidel, daß Luise meinte, sie hätte nicht geglaubt, daß man so lustig sein könnte.

Mein Bruder Franz war am 3. März 1887 in Kaiserslautern geboren, also drei Jahre alt, als wir nach Baden-Baden zogen. Er war vier Jahre jünger als ich, so daß zunächst das Verhältnis zu meiner Schwester ein engeres als zu meinem Bruder war. Es beschränkte sich zunächst auf viele Fußwanderung, die wir gemeinsam in der Umgebung von Baden, meist an Samstag Nachmittagen machten, und auf freundschaftliches Raufen in unserer Wohnung. Dies verursachte oft solchen Lärm, daß die unter uns wohnenden Haslachs mit dem Stock an ihre Decke klopften, worauf plötzlich Ruhe eintrat. Unser Tummelplatz war von allem die Glasveranda, in der ein Sofa stand, das unsere Mutter großzügig zur Verfügung stellte. Dort haben wir oft "Batterie überreiten" gespielt:  ich legte mich mit dem Rücken auf das Sofa und mit den Beinen strampelnd, stellte ich die Batterie vor, während Franz, sich mutig mit einem Anlauf hineinstürzend, die angreifende Kavallerie markierte. Einmal habe ich ihn bei dieser Gelegenheit mit dem Kopf gegen das rückwärts liegende Glasfenster geworfen, so daß er durch das zerbrochene Glas in Freie schaute. Ein beliebtes Spiel war auch, auf dem Flur in einer wilden Hetzjagd umherzustürzen, ohne den Boden zu betreten, nur über die Möbel (Schränke, Kommoden, Stühle) hinweg.

Franz war wegen eines Ohrleidens und Polypen in der Nase oft in ärztlicher Behandlung und wurde mehrere Male operiert. Auch war er wie mein Vater kurzsichtig. Bei unserer Übersiedlung nach Heidelberg wechselte er das Gymnasium und machte 1905 das Abitur. Ich bin ihm eigentlich erst näher getreten, als er Student war.

Abitur, Berufswahl


Die Schüler des Badener Gymansiums trugen farbige Mützen; die Farben der neuen Klassen durften wir uns jedes Jahr selbst wählen. Wir gingen zu diesem Zweck am Tage des Schulschlusses am 31. Juli in das Hutgeschäft, das derartige Mützen herstellte, und trugen dort unsere Wünsche vor. Die Mütze kostete in der Regel drei Mark. Als Oberprimaner wählten wir hellblaue seidene Mützen (zu 5 Mark), ein ganz besonderer Aufwand. Auch das Abiturientenfest wollten wir in ganz großem Stil feiern. Für den ersten Tag mieteten wir vier oder fünf zweispännige Landauer, mit denen wir ins Murgtal fuhren, um dort in Forbach das Mittagessen einzunehmen. Hierbei und am Nachmittag wurde Wein in größerer Menge vertilgt, und ich erinnere mich noch, daß Beuttenmüller auf der Rückfahrt stark bezecht einschlief. Abends traten wir noch, soweit wir dazu fähig waren, im schwarzen Gehrock auf der Promenade auf, und am andern Tag fand ein Festkommers statt, zu welchem auch die Lehrer und Väter eingeladen waren.
Wir waren 17 Abiturienten, die auch auf einem Gruppenbild vereinigt wurden, freilich nur 16, da Rönnberg grollend sich fernhielt. Er hatte auf die Gesamtnote I gerechnet, aber nur eine II erhalten. Vier von uns bekamen die Note I: Staudacher, ein sehr begabter, stiller Schüler, der später als Rechtsanwalt der Compagnon von Beuttenmüller wurde, aber früh gestorben ist; Hans Meier, viel weniger begabt, aber von glühendem Ehrgeiz besessen; er ist später Direktor eines Gaswerkes geworden, nachdem er in Karlsruhe auf der Technischen Hochschule studiert hatte; Karl Häussner, der Sohn unseres Direktors, der Jurisprudenz studierte, einer meiner näheren Freunde, der später Regierungsrat in Karlsruhe wurde; Herbert Ausfeld, außerordentlich begabt, aber schließlich verkommen. Dann kamen wir mit der Note II; ich, Rönnberg, der Jurist wurde, und Gustav Möhring, der klassische Philologie in Freiburg studierte, ein Bauernsohn, ungeschlacht und ungebildet, der später als Lehrer ans Gymnasium ging. Dann war noch Kengelbach da, der künftige katholischer Priester; meine besonderen Freunde Hitzler und Beuttenmüller und der verrückte Hans Münch, der bald nach dem 1. Weltkrieg starb, alle drei Juristen, zwei künftige Ärtzte, Groethuisen (ein Bruder des Philosophen)  und Schliepp. Dazu Alfred Häussner, der Vetter von Karl Häussner, Arthur Witte und der Jude Mokrauer, dessen Grab ich vor langer Zeit auf dem Badener Friedhof entdeckte. Schließlich noch Waldmann aus Augsburg, ein typischer Bayer, der ohne Eltern in einer Studentenbude in Baden wohnte, viel älter als wir war und bereits eine Braut hatte, die er dann auch später als Forstmann heiratete. Vielen von diesen Mitschülern bin ich auch in späteren Jahren wieder begegnet, mir manchen studierte ich zusammen, einige traf ich (nach 1933) beim 50jährigen Jubliäum des Badener Gymnasiums. Mit Hitzler und Beuttenmüller war ich bis zuletzt noch in Verbindung.


Die Berufwahl war für mich beim Abitur längst entschieden. Man hielt es ursprünglich, daß ich Jurist würde. Aber schon als Unterprimaner entschied ich mich mehr und mehr - entgegen der Meinung meiner Schwester Luise und zum Teil auch aus bewußter Opposition - für die klassische Philologie. Der Kreis der Berufe, den man überschaute, war überhaupt sehr eng: Jurist, Mediziner oder das höhere Lehramt. Etwa an Bibliothekar, Archivar, Journalist, Stellung in einem Verlag dachte man gar nicht. Journalist mag mir gelegentlich als Student vorgeschwebt haben, und ich hätte es hierin als freier Schriftsteller auch wohl zu etwas gebracht. Als ich mich zur Philologie entschloß, dachte ich nur an die Laufbahn im höheren Lehramt. Allerdings so, wie mir Prof. Ausfeld beim Abschiedsbesuch sagte:"Wenn Sie sich Ihren Beruf als Lehrer erträglich machen wollen, so wählten Sie sich auch ein kleines Gebiet, auf dem Sie neben Ihrem Lehrerberuf noch wissenschaftlich tätig sind." So hatte er es ja auch selbst gehalten, mit dem Alexanderroman. Und so gab es vor dem 1. Weltkrieg zahlreiche Gymnasiallehrer von hoher wissenschaftlicher Qualität, wie solche z. B. in großer Zahl am Heidelberg Gymnasium tätig waren. Von meinen Badener Lehrern gehörten Ausfeld und Häussner dazu. In der Folgezeit ist diese Neigung immer mehr zurückgegangen. Die Kriegsgeneration, die ich in Tübingen als Schüler hatte, und auch noch diejenigen der ersten Würzburger Jahre waren hinsichtlich ihrer Vorbildung und ihres wissenschaftlichen Strebens ganz auf der Höhe. Dann aber sank das Niveau immer mehr, und in den zwölf Jahren nach 1933 wurde es immer hoffnungsloser; es setzte jener Haß der Unwissenschaftlichkeit gegen das Wissen ein. Eine äußere Begleiterscheinung de Abnehmens der wissenschaftlichen Betätigung der Gymnasiallehrer, wodurch es begünstigt wurde, war der Umstand, daß die wissenschaftlichen Schulprogramme seit dem 1. Weltkrieg nicht mehr gedruckt wurden. In diesem kleinen Heften, die früher alljährlich von allen höheren Schulen herausgegeben wurden, steckte sehr viel Gutes - auch hier brauche ich nur an die Arbeiten von Ausfeld zu erinnern.

Das Abitur fand im Juli 1901 statt, zuerst der schriftliche Teil, kurze Zeit drauf das mündliche Examen. Ob ein Abiturientenexamen wirklich notwendig ist, erscheint mir zweifelhaft. Ein Lehrer, der meherere Jahre hindurch oder auch nur ein Jahr lang in der Oberprima einen Schüler in seiner Klasse gehabt hat, müßte in der Lage sein auch ohne eigentliche besondere Prüfung zu beurteilen, ob er die Reife für die Universität hat. In zweifelhaften Fällen könnte ja immer noch eine kleine Prüfung stattfinden.

Nach dem Abitur, das Mitte Juli beendet war, gingen wir noch 14 Tage unbeschwert  ohne Hausaufgaben zur Schule und mit einer laxeren Form des Unterrichts, bis uns am 30. Juli das Reifezeugnis ausgehändigt wurde. Wir waren reif zur Universität, und die "Muluszeit" begann. Diese galt als die schönste Zeit des Lebens, völlig ohne Sorgen, ohne Pflichten, in der Erwartung der schönen freien Studentenzeit, die auf die Zeit der gymnasialen Gebundheit folgen sollte. Sie dauerte annähernd drei Monate und war für mich ausgefüllt mit einer vierzehntägigen Reise nach Speyer zu Onkel Kammerer, die ich mit dem Rad ausführte, und mit dem sechswöchigen Aufenthalt in Lausanne: den übrigen Teil verbrachte ich in Baden-Baden mit Spaziergehen und Lesen, auf der Promenade sitzend. Mitte Oktober gings nach Heidelberg zur Universität ins erste Semester.






ZWEITER TEIL

STUDIENJAHRE 1901 - 1908


Stellung zur Politik

Als ich im Oktober 1901 zur Universität kam, war ich völlig unpolitisch wie wohl die meisten meiner Kommilitonen. Auch noch als Primaner haben wir nur sehr oberflächlich und lückenhaft die Tageszeitung gelesen. Zu Hause hielten wir das Badener Tageblatt und die Pfälzer Presse. Das eigentlich Politische interessierte uns in der Zeitung wenig. Um die Jahrhundertwende hatte das Deutsche Reich ja einen dreißigjährigen Frieden hinter sich und man glaubte an das Weiterbestehen dieser Ruhe für lange Zeit. Im Innern des Reiches herrschte ebenfalls Friede; die Sozialdemokraten wurden in Schach gehalten, wenn auch ihre Macht sich steigerte. Für die Kolonien und die anwachsende Flotte konnte man sich erwärmen, hier herrschte in den 90er Jahrenund danach reges Leben. Auch die Bahnbauten in der Türkei wiesen auf die steigende Macht des Reiches hin, ebenso der mehr und mehr blühende Außenhandel. Im Burenkrieg stand man auf Seiten der Buren und beim Boxeraufstand freute man sich über den "Sühneprinz", der von Peking nach Berlin ging. In meiner Studentzeit war Bülow Reichskanzler; man hatte Vertrauen in sein glattes Auftreten; wie es wirklich mit ihm bestellt war, sah man erste viele Jahrzehnte später aus seinen Lebenserinnerungen.

Diese mangelhafte politische Einsicht änderte sich auch auf der Universität kaum, wenn auch die Studentenverbindungen politisch etwas bestimmt und dadurch voneinander geschieden waren. National waren sie alle. Die Corps vertraten das konservative, reaktionäre Element; aus den Burschenschaften gingen die Nationalliberalen und Demokraten hervor; die katholischen Verbindungen, die nicht für voll angesehen wurden, stellten den Nachwuchs des Zentrums; mit den jüdischen Verbindungen gab es immer Reibereien; doch war das Fechten mit ihnen erlaubt. Beim Kaiser-Geburtstags-Kommers waren alle Verbindung vereint. Ein engerer und weiterer Studentenausschuß vertrat die gemeinsamen Belange der Studentenschaft, Streitigkeiten hinsichtlich der Repräsentation gab es dabei immer, aber wirklich ernsthafte Fragen sind hier kaum behandelt oder gar gefördert worden.


Wahl der Bude

Zu Anfang Oktober 1901 fuhr ich morgens mit meiner Mutter nach Heidelberg, um eine Wohnung für mich zu suchen. Da ich in Baden-Baden das Abitur gemacht hatte und auch im Badischen das Staatsexamen ablegen wollte, wählte ich Heidelberg als Haupt- und Anfangs-Universität. Freiburg wurde als zu katholisch erst gar nicht in Betracht gezogen. Am Vormittag sahen wir uns gewiß gegen 20 Buden an und zogen einige davon in engere Wahl. Nachmittags kam auch Tante Luise Kammerer aus Speyer herüber, um ihr Gutachten abzugeben, und so wurde denn nach langem Hin und Her die Witwe Wambach in der Plöck für würdig gefunden, mich aufzunehmen. Sie hat in der tat das Vertrauen, das meine Mutter in sie setzte, nicht getäuscht und mich zwei Semester alng mütterlich versorgt. War auch bei meinen Kommilitonen und besonders bei meinen Vereinsbrüdern, die viel in meiner Bude verkehrten, häufig bei mir aßen und tranken, sehr beliebt, und hat sie auch alle persönlich gekannt. Nur etwas beängstigte meine Mutter noch: die unmittelbare Nähe des chemischen Instituts, aus dem vielleicht üble Gerüche herüberkommen könnten. Doch die Witwe Wambach versicherte, daß sie nie etwas davon bemerkt hätte, und sie hatte auch recht damit.

Freunde

Da nach dem Vorlesungsverzeichnis das Semester am 15. Oktober beginnen sollte, trat ich rechtzetig zu diesem Termin an und war erstaunt, daß ich noch fast 14 Tage warten mußte. Zu Anfang des Semesters setzte das "Keilen der Füchse" ein. Auch zu mir kamen immer wieder einzelne Vertreter von Verbindungen, um mich anzuwerben. Ich entschied mich schließlich für den Philologischen Verein und ich ahbe es nie bereut. Später legte er sich den Namen Cimbria zu. In meinem ersten Semester war Ulrich Bernays, ein Sohn des Literarhistorikers Michael Bernays, Erstchargierter. Er war zum mindesten Halbjude, denn unser Verein bestand nicht auf dem "Arierprinzip". Mit ihm, wie mit vielen andern Vereinsbrüdern, stand ich noch lange bis in die Zwischenkriegszeit in Beziehung und auf Stiftungsfesten haben wir uns immer wieder getroffen. Auch an seiner Hochzeit in Tauberbischofsheim (etwas 1912-13) habe ich teilgenommen und sie durch eine melodramatische Dichtung, die ich selbst im griechischen Kostüm vortrug, zu verschönen gesucht. Bernays war ein großer Redner und hatte ein ausgezeichetes Gedächtnis. Seine Liebe galt Richard Wagner, und er fuhr oft zu den Festspielen nach Bayreuth. Später (1907) hat er das nachgelassene Werk Ausfelds über den griechischen Alexanderroman zusammen mit W. Kroll herausgegeben. Er hatte auch danach den gesamten wissenschaftlichen Nachlaß von Ausfelds Witwe erhalten, übergabe ihn mir aber erst im September 1912, als ich die Leo-Ausgabe im Manuskript längst abgeschlossen hatte; schon im Januar 1912 hatte ich sie als Habilitationschrift bei der Fakultät eingereicht. Damals wußte ich leider noch nicht, daß Ausfeld den ursprünglichen Leotext hat herausgeben wollen und daß seine Vorarbeiten bereits sehr weit gediehen waren. Als Leibbursche wählte ich Hermann Gropengiesser, der zugleich unser Fuchsmajor war. Er war etwa sechs Semester älter als ich, ein ernster, fleißiger und gelehrter Mann, hochbegabt und gewissenhaft. Aber er sagte mir einmal ganz richtig: Seine Gewissenshaftigkeit hindere ihn daran, mit einer Arbeit fertig zu werden. Er hat den Universitätspreis für seine Arbeit über die Attischen Gräber erhalten. Dafür hatte er ein ungeheueres Material gesammelt. Aber im Druck als Dissertation ist nur ein kleiner erster Teil davon erschienen, da er nie einen Abschluß finden konnte. Bei einer Weihnachtsfeier des Vereins erhielt er als Ulkgeschenk einen großen Nagel mit den Versen:



Des attischen Bestattungswesen Ritus
Versprachest Du uns trefflich auszuklären
Doch lange müßte noch, so geht der Mythus,
Nach Deinem Buch die Sehnsucht uns verzehren.
So nimm denn, was dem Weihnachtsmann gefiel,
Den Stachel hin, er führe Dich zum Ziel.


Diese Langsamkeit verhinderte auch seine Habilitation. Er war lange Assistent am Archäologischen Institut bei von Duhn, bis ich 1906 sein Nachfolger wurde, und Lektor an der Universität. Dann zog er sich nach Mannheim ans Gymnasium zurück und betreute zugleich die Mannheimer Altertumssammlung im Schloß. Auch die Ausgrabungen im römischen Ladenburg (Lopodunum) hat er geleitet und manches darüber veröffentlicht.

Sein Leibbursche, also mein Leibgroßvater, war Gustav Adolf Gerhard, auch er Preisträger der Universität und wie auch Gropengiesser Doktor summa cum Laude. Da auch ich beides wurde, so bestand diese zweifache Würde in drei Generationen einer Leibfamilie. Gerhard war Papyrologe, hat sich später, noch unter Dieterich, um 1907, für klassische Philologie habilitiert, kam dann nach Czernowitz, wo er aber vor den Russen fliehen mußte, wurde noch als Soldat eingezogen und ist dann in Wien in einem Krankenhaus 1918 gestorben. Er war zwar Schüler von Erwin Rohde und besonders von Otto Crusius, aber ganz Philologe alten Stils im Sinne Gottfried Hermanns. Den kleinen Phoinix von Kolophon hat er mit einem mühevollen Kommentarwerk versehen, wie es kaum einem der Großen der griechischen Literatur gewidmet ist. Als ich Gerhard kennenlernte, hatte er bereits promoviert und war an der Papyrus-Abteilung der Heidelberger Universität tätig. Wir drei, Gerhard, Gropengiesser und ich, die wir drei Studentengenerationen darstellten, bildeten eine Grußße für sich im Verein, die durch besonders Freundschaft zusammengehalten war. Die beiden älteren haben mich noch weiterhin erzogen, wie es ja ihre Pflicht von vereinswegen war, aber noch darüber hinaus. Sie haben auch an allen meinen Arbeiten bis zur Promotion teilgenommen und mich besonders zu Anfang hinsichtlihc der Literatur, der Wahl der Vorlesungen usw. beraten. Ein solcher Vereins von Philologen hat doch sein Gutesö vor Einseitigkeit ist man geschützt, sowie nur ein paar darunter sind, die noch weitere Interessen haben. Und das war zu meiner Zeit im Philologischen Verein in Heidelberg der Fall, wenn auch fast nur Altphilologen damals als Mitglieder aufgenommen wurden.

Zugleich mit mir traten in den Verein ein Eugen Fehrle, der im 3. Semester stand - (er hatte in den zwei ersten Semestern sein Einjähriges abgedient) - und Wilhelm Weber, die beide sich später habilitierten und es zu einem Ordinariat brachten. Beide waren etwas schwierig im Verkehr, beide erhgeizig und in ihren Mitteln nicht immer wählerisch, der dickköpfige alemannische Bauernsohn aus Stetten im Hegau und der aus der Unterstadt am Neckar stammende Schreinerssohn. Auch Weber war Preisträger der Universität durch seine Arbeit über die Reisen des Kaisers Hadrian. Jahrelang sprach er nun von Hadrian und über jedes einzelne Detail; dazu über die Isis, worüber er für Dieterichs Seminar arbeitete. Die Hadrianarbeit ist fertig geworden, da Domszewski, Webers Lehrer, Stück für Stück und Inschrift für Inschrift mit ihm durchsprach. Im gedruckten Buch ist diese Hilfe auch an vielen Einzelsteilen ehrlich anerkannt. "Das Beste in dem Buch stammt ja doch von mir", sagte später Domaszewski, "aber der junge Mann tut so, als könnte er schon etwas". Und noch später sagte "Donna" einmal von ihm: "Ein jeder seiner Briefe ist eine Ohrfeige für mich". Die Isisarbeit ist nie erschienen, da Dieterich in seiner Hilfe bei Schülerarbeiten sehr zurückhaltend war, wie ich selbst bei meinem "Reliquienkult" gründlich erfuhr.
Fehrle und Weber sind mir immer wieder im späteren Leben begegnet, sehr oft in erfreulicher Weise, bei Weber, wie es nicht anders sein konnte, ging es nicht immer ohne Streit ab. An den Festschriften, die zu ihren 60. Geburtstagen erschienen sind, habe ich ganz selbstverständlich mitgearbeitet. Für Fehrle schrieb ich den Aufsaty "Sinn und Sinnbild", für Weber den Beitrag "Der Glaube an eine Philosophia perennis".
Ein weiterer Freund, mit dem ich durchs Leben verbunden blieb, trat in meinem zweiten Semester, im Sommer 1902, dem Verein bei, August Oktav Ritter von Loehr aus Wien, der Geschichtswissenschaft studierte, Numismatiker wurde und später bis zur Gegenwart das Wiener Münzkabinett leitete. Er war so ganz anders als wir alle. Er war etwas kränklich, sehr reich, Geld spielte bei ihm keine Rolle. Er reiste ungeheuer viel und überraschte uns immer wieder durch eine Postkarte, die irgendwoher aus dem Ausland eintraf. In einem Jahr, so erzählte er mir einmal, hat er auf Reisen mehr Kilometer zurückgelegt als Kaiser Wilhelm II., den auch immer wieder, wo er plötzlich unerwartet auftauchte und zur Tür hereinkam und einen wie ganz selbstverständlich begrüßte, als wäre man nie getrennt gewesen. Ich bin ihm selbst öfters auf Reisen begegnet, und er zeigte sich über das Treffen nie überrascht, sondern tat so, als hätte er mich da erwartet. Er war hochbegabt, ein liebenswürdiger Mensch, der hochinteressant erzählte, besonders von den Verhältnissen in Österreich, und über ein ungeheures Wissen verfügte. Noch in den letzten Jahren hat er mir Publikationen geschickt, aber meine beabsichtigte Antwort ist immer ausgeblieben.
Die sechs eben genannten Bundesbrüder waren der Freundeskreis, in dem ich in meiner ersten Studentenzeit lebte. Dazu kamen noch manche andere, größtenteils auch dem Verein angehörig. Die weitaus meisten sind später als Studienräte an den Badischen Gymnasien tätig gewesen, wo auch schon in meiner Studentenzeit viele Bundesbrüder als Alte Herren saßen. Diese letzteren habe ich fast alle im Lauf der Zeit, vor allem bei Stiftungsfesten und bei gelegentlichem Aufenthalt in Heidelberg, kennengelernt, so daß mir die große Masse der in Baden angestellten Altphilologen persönlich bekannt war. Dies war für mich später (um 1934/35) ein Hauptgrund, einem Ruf nach Freiburg zuzustimmen.


Lehrer am Heidelberger Gymnasium




Überhaupt waren am Heidelberger Gymnasium in damaliger Zeit, vor dem ersten Weltkrieg, vorzügliche Lehrkräfte tätig, die auch wissenschaftliche Leistungen aufzuweisen hatten. Ein Blick auf sie zeigt am deutlichsten den Rückgang, den seitdem die Ausbildung der Studienräte genommen hat. Neben dem bereits genannten Adolf Ausfeld und den gleichfalls auch an der Universität tätigen Brandt und Uhlig unterrichteten in meiner Studentenzeit und danach in der Zeit vor 1914 der Philologe Stadtmüller, der überpeinlich genaue Herausgeber der Anthologia Palatina, ein alter schwächlicher kleiner dünner Herr, dem der Arzt den Kaffeegenuß, dem er frönte, verboten hatte, und der dann, da seine Frau ihm keine verabreichte, im Café Häberlein den geliebten Trank nachmittags zu schlürfen pflegte, dabei immer mit Manuskriptblättern bewaffnet. Man erzählte, daß er gelgentlich sogar den berühmten Codes der Anthologie mit ins Café genommen habe. Als feste Tatsache wurde jedenfalls berichtet, daß diese handschrift, die ja bereits so viel Schicksale gehabt hat, eines Tages in der Bibliothek einem ausärtigen Gelehrten vorgeführt werden sollte und nicht aufzufinden war. Unter allgemeinem Schrecken wurde überall gesucht, bis man sie schließlich in Stadtmüllers Wohnung fand.
Der Schwiegersohn Stadtmüllers war Fritz Bucherer, ebenfalls ein sehr scharfsichtiger Philologe, bekannt durch seine guten Besprechungen, die er für die Wochenschrift schrieb. Er war als Nachfolger Luckenbachs Direktor des Gymnaisums. Luckenbach selbst war als Kunstpädagoge bedeutsam, seine trefflichen Bücher über die Kunst des Altertums, die Akropolis, auch die spätere Kunst, erfreuten sich großer Beliebtheit an den Schulen, konnten aber auch den Studenten sehr nützlich sein. Ich habe sehr viel in seinem Haus verkehrt wie auch in der Familie seines Schwiegersohnes Klingenstein, mit dem ich zusammen studierte und der dann auch am Heidelberger Gymnasium tätig war. Auch die Griechenlandreise 1933 haben wir gemeinsam mit Luckenbach und Frau Klingenstein mitgemacht.

Auch Hausrath, Sohn des Theologen, wirkte damals am Heidelberger Gymnasium, der Aesopforscher. Während des ersten Weltkriegs stand ich mit ihm vom Feld aus in einem sehr regen Briefwechsel und ich sandte ihm lange Abhandlungen übermeine Beobachtungen zu dem Thema "Krieg und Mensch". Er war Demokrat und Liberaler. Im har 1933 begründete er im Schnokeloch in Heidelberg einem Stammtisch unter dem Motto "Nichtarier willkommen". Und auf einem Konvent des Philologischen Vereins in diesem Jahr warnte er uns vor voreiligen Entschlüssen: Wir wüßten ja nicht, wie lange diese (die nationalsozialistische) Regierung noch am Ruder sei! Er ist jetzt vor ein paar Jahren gestorben. Den ersten Band seiner Aesopausgabe hat er mir noch zugesandt.

Ferner ist noch Meisinger zu nennen, der viele Jahre lang als Untermieter meiner Mutter bis zu ihrem Tod in der Römerstraße wohnte, ein Junggeselle mit geizigen Eigenschaften. Er ist besonders als Volkskundler und Germanist hervorgetreten. An der Festschrift zu seinem 60. Geburtstag (1933) habe ich mich mit dem Beitrag beteiligt: "Zur Geschichte der technischen Ausdrücke der Wahrsagekunst."

Bucherer, Hausrath, Meistinger und Hilgard gehörten auch unserem Verein an, ebenso auch Emil Hirsch, der gleichfalls am Heidelberger Gymnaisum angestellt war. Er war wissenschaftlich außerordentlich weit und tief gebildet, hat aber nie etwas von Beduetung veröffentlicht, doch war der Verkehrt mit ihm sehr anregend. Auf dem Badener Gymnasium war er eine Zeitlang mein Lehrer. Da sitze ich eines Abends als Sekundaner mit meinem Freund Otto Koch, der zu Besuch aus Rinteln zu seinen Tanten Wippermann gekommen war, bei einem Glas Bier in einem Lokal, natürlich unerlaubterweise. Plötzlich trat Hirsch herein und ließ sich an einem Nebentisch nieder, mir höchst unangenehm. Nach einiger Überlegung stand ich auf und trat zu ihm mit den Worten heran: "Entschuldigen Sie, Herr Professor, daß Sie mich da antreffen! Melden Sie mich bitte nicht dem Herrn Direktor!" Er versprach es, indem er mich aufforderte, bald das Lokal zu verlassen, und er hat auch Wort gehalten. Später, als wir Bundesbrüder in Heidelberg waren, habe ich ihn wieder daran erinnert.



Heidelberger Lehrer



In Heidelberg damals als Altphilologen der Graecist Otto Crusius und der latinist Fritz Schöll. Ersterer war als Nachfolger Erwin Rohdes nach Heidelberg gekommen, letzterer hatte schon neben Rohde gelesen, wie er auch Crusius Nachfolger Albrecht Dieterich und Franz Boll überdauerte und sogar noch in die Zeiten Otto Regenbogens hineinragte. Schöll war als akademischer Lehrer mäßig pathetisches Ablesen aus einem Heft, das die Niederschrift seiner Vorlesung darstellte und im Lauf der Jahre durch neue Zusätze, meist Literaturnachträge, vermehrt worden war. Ob er nun über Hesiods Erga oder über Plautus las, alles war gleich langweilig, und in der Regel wußten auch begabte Schüler nicht, um was es sich eigentlich handelte. Ich habe zwei Semester lang sein Seminar mitgemacht - pflichtgemäß, da das lateinische und das griechische Seminar eine untrennbare Einheit bildeten - und deshalb in diesen Semestern auch seine Vorlesung gehört, aber erst nach meiner Rückkehr aus München. Als Studenten erzählten wir uns von dem scharfen Seitenhieb, den einmal Wilamowitz gegen Schöll führte. Er zitierte dessen Bruder Rudolf Schöll, zunächst mit dem Familiennamen, und fügte dann die nähere Bezeichnung des Vornamens hinzu mit den Worten: Rudolfum dico, nam ad Friderici ineptias non descendo.

Zunächst hielt ich mich also an Crusius. Ich hatte ihn als Primaner bereits einmal gesehen, als er als Kommissar nach Baden-Baden kam und das Gymnaisum inspizierte. Da hörte er auch in meiner Klasse beim Horazunterricht Häussners zu, ich ward an die Tafel gerufen, um ein Metrum aufzuzeichnen, und meiner Sache nicht ganz sicher, schaute ich ihn hinter dem Rücken Häussners fragend an, ob es so oder so heißen müsse, und er nickte mir beim Richtigen zu. Als ich ihm meinen Besuch in Heidelberg machte, erinnerte ich ihn daran. Von dem ersten Gespräch, das ich damals mit ihm hatte, entsinne ich mich noch seienr Worte: "Man muß auch neben seinem Studium noch Mensch sein und leben. Na, Sie sehen aus, als ob Sie das auch wüßten." Ich habe ihn zwei Semester lang in Heidelberg gehört, und als er nach München berufen worden war, noch ein Semester dort, in seinem ersten Münchner Semester.

Diese Eigenschaft teilte er ja mit vielen Dozenten, welche die angekündigte Vorlesung nicht immer zum Abschluß bringen. In meiner späteren Praxis habe ich mich immer bemüht, meine Vorlesung zu einem guten Ende zu führen und es ist mir auch meist gelungen. Gelegentlich habe ich auch einmal den letzten Teil etwas kürzer gestaltet, als urspründglich geplant. Es ist gewiß nicht von ausschlaggebeneder Bedeutung für den Wert einer Vorlesung, daß der Dozent fertig wird, aber falsch ist auf jeden Fall die Ansicht, die ich irgendwann einmal gehört oder gelesen habe: Es sei ein gutes Zeichen für einen akademischen Lehrer, wenn er in seiner Begeisterung sich länger bei einzelenen Problemen aufhalte, die ihm interessant seien, anderes dann wieder kürzer mache und schließlich in seiner Begeisterung den Abschluß versäume. Gewiß wird man, wenn man ein Kolleg zum ersten Mal liest, zu Beginn des Semesters noch kein völlig ausgearbeitetes Kollegheft besitzen, sondern sich von Stunde zu Stunde noch im einzelnen vorbereiten müssen. Aber einen festen Verteilungsplan muß man auch da von vornherein haben und sich auch im großen und ganzen daran halten. Es ist ja doch so Man kann etwa über Aischzlos einen Vortrag von anderthalb Stunden halten, man kann über das gleiche Thema ein einstündiges Publikum, also etwas zwölf Stunden, lesen, und man kann über diesen Dichter ein vierstündiges großes Kolleg anzeigen und dann auch bis zu Ende führen. Als damals Crusius mit seiner Metrikvorlesung nicht fertig wurde, habe ich einmal im Gespärch auf der Kneipe zu meinen Vereinsbrüdern im Scherz gesagt: Eigentlich müßten wir Studenten ihn verklagen. Er habe uns schriftlich für 20 Mark eine Metrik der Griechen und Römer zugesagt, wir hätten auch bezahlt, er aber habe uns nur die Hälfte geliefert.



Aber alles in allem, wir hörten ihn gerne, lernten viel bei ihm und wurden noch mehr von ihm angeregt und mochten ihn auch persönlich gut leiden. Seine wissenschafliche Produktion war ja gering an Umfang. Er hat, glaube ich, außer der trefflichen Rohde-Biographie kein Buch geschrieben. Aber was er schrieb, ist lesenwert und seine Roscher-Artikel Hyperboreer, Kadmos und Keren waren in meiner Studentenzeit berühmt. Er war schon in jungen Jahren, ich glaube um 40 herum, Geheimer Rat geworden.

Im Proseminar war ich bei dem trefflichen Laktanz-Herausgeber Samuel Brandt, einem guten Latinsiten, der Gymnasialprofessor und Extraordinarius war. Bei Brandt übersetzten wir Lukian und machten die üblichen lateinischen und griechischen Stilübungen. Er hatte Humor, hielt auf unsern Kneipen gerne lateinische Ansprachen; denn er sprach ein ausgezeichnetes Latein; er war ein äußerst beweglicher, nicht mehr junger Mann. Mihi sunt quattuor filii, sagte er einmal u. a. in einer Kneiperei: der eine, rothaarig, war ein überspannter Thode-Anhänger, Kunsthistoriker, der als älterer Student im ersten Weltkrieg gefallen ist; er hat oft unsern Spott herausgefordert. Der Jüngste, Otto Brandt, wurde Historiker und ist als Professor in Erlangen jung, noch zu Lebzeiten seines Vaters; nach 1933 gestorben. Ich habe den alten Samuel oft noch später in Heidelberg gesprochen.

Neben diesen drei Altphilologen hörte ich bei dem Althistoriker Alfred von Domaszewski und dem Archäologen Friedrich von Duhn. Doma, wie er abgekürzt genannt wurde, war eine originelle Persönlichkeit, aus dem Osten stammend: "Wenn ich nicht durch Kant und Schiller von früher Jugend an erzogen worden wäre, wäre ich geblieben was ich von Hause aus war, ein sarmatischer Barbar", sagte er bei der Feier seines 60. Geburtstages später. Er war der beste Kenner der lateinischen Inschriften, des römischen Staatsrechts und der Kaisergeschichte. Sein Vortrag war lebendig und anregend und von guter Form, nur seine Fistelstimme störte anfangs etwas. Auch auf dem Gebiet der Religionsgeschichte hat er Vortreffliches geleistet, wenn auch manchmal mit zu großer Phantasie. Aber das gehörte zu ihm, er lebte ganz mit den Römern, und die Kaiser standen lebendig vor ihm und er hat sie - mit seinen eigenen Augen - geschaut: seine Kaisergeschichte zeigt es ja. Als er sie schrieb, so um 1909, war er ganz außer sich und hat jedem, der wollte oder nicht wollte, daraus vorgelesen. So hat er ein Exemplar einer Kellnerin in einem Heidelberger Lokal geschenkt. Wenn er besonders gut seiner Meinung nach im Kolleg vorgetragen hatte, konnte er auf dem Gang danach zu uns sagen: "War das eben nicht wunderschön?" Als ich Assistent bei ihm war, kam er einmal fast weinend zu mir aus dem Hörsaal an meinen Schreibtisch im Instiut und beklagte sich bitter, weil ein Student in seiner Vorlesung eine Zeitung gelesen hatte! Da er gelegentlich ohne Krawatte in die Vorlesung kam - er war Junggeselle und seine Schwester führte ihm den Haushalt - hielt ich als Assistent immer eine solche bereit, um sie ihm anzuziehen, mußte aber dann davon abstehen, da ich sie nie mehr zurückerhielt. Als er später, in der Inflationszeit, nach dem Tod seiner Schwester, allein hauste, haben manchmal Studentinnen bei ihm Ordnung geschaffen.



Friedrich von Duhn habe ich gleich von meinem ersten Semester an gehört, zuerst über Pompeji. Es war keine besonders anregende Vorlesung. Er sprach mit sehr dünner Stimme, wie auch seine Handschrift klein und dünn war, während er selbst von Gestalt ganz besonders groß war, aber auch mager, mit einem Vollbart versehen. Zu Beginn des Jahrhunderts gab es noch keine Lichtbilder, und wir waren auf Tafeln, die zum Teil ja noch wenig gut waren, angewiesen. Um so mehr mußte der Dozent von sich aus dazu geben. Und es ist kein Zweifel, daß mit dem Aufkommen und dem Überhandnehmen der Lichtbilder die Leistungen des Vortrags abgenommen haben. Ich habe in den zwei nächsten Semestern Wölfflin in Berlin und Furtwängler in München gehört. Sie sprachen mit ganz wenigen Lichtbildern; bei Furtwängler blieben die Platten gelegentlich so lange im Apparat, daß ihre Bildschicht bei den ungenügenden Vorrichtungen abblätterte. Das Wort des Vortragenden war doch eben immer die Hauptsache und vor allem Wölfflin hat nie ein Wort zuviel gesagt. In der heutigen Zeit bei der Masse der Lichtbilder sind diese die Fettbrocken über die eine unendliche Masse dünner Sauce ausgegossen wird. Bei Thode fing es an, der zwar in einer Stunde noch wenige Lichtbilder zeigte, diese aber mit einer breiten Bettelsuppe überschüttete. Wie viel intimer ging es im Seminar bei Duhn zu, wo wir alle um einen Tische herum saßen, die Tafeln in die Hand nahmen und darüber diskutierten. Auch Vasen und scherben aus der Sammlung wurden herumgereicht (wie später auch bei Furtwängler) und eingehend betrachtet und besprochen.

Neben Albrecht Dieterich, zu dem ich erst später kam, kann ich Friedrich von Duhn als meinen eigentlichen Lehrer bezeichnen. Persönlich stand ich ihm sogar näher als jenem, mit dem ich ja nur fünf Jahre zusammen war, da Dieterich früh (1908) starb. Zu Duhn hatte ich noch über 25 Jahre lang, auch in seiner Familie habe ich sehr viel verkehrt und von 1906 bis 1908 war ich sein Assistent. Seine große Reise von 1906 habe ich mitgemacht, ihn auch 1908 in Rom getroffen, und ihn auch später oft gesehen. Anläßlich der Erlanger Philologenversammlung 1925 hat er uns in Würzburg besucht. Er war ein liebenswürdiger, gesellschaftlich überaus gewandter Mensch, der leicht sich in fremden Sprachen unterhielt. Ich habe ihn gehört, wie er auf italienisch, französisch, englisch und neugriechisch Ansprachen hielt. Im Italienischen konnte er sich auch in Dialekten unterhalten, wie er ja auch der beste Kenner Italiens und der italienischen Frühgeschichte war. Als guter Organisator wußte er immer Geld beizutreiben, um die Heidelberger archäologische Sammlung in die Höhe zu bringen. Sein Institut war vorzüglich ausgestattet. Er hat die Studienreisen Badischer Philologen ins Leben gerufen und glänzend geleitet. An der einen, im Jahre 1906, konnte ich teilnehmen, und ich habe damals selbst gesehen, wie genau alle Einzelheiten schon Monate vorher vorbereitet wurden, bis zu den Mittagessen in Thera, in Pergamon es auf dem gedruckten Programm stand. Vorzüglich waren seine Führungen, aber da war er auch unermüdlich und mutete uns viel zu.

Auch als Student haben wir manche, oft mehrtägige Exkursionen mit ihm gemacht, so auf die Saalburg und nach Würzburg. Sein schönes Haus oben in der Werrgasse war überaus gastfrei, und ich bin unzählige Male bei ihm eingeladen gewesen. Auch meine Mutter hat späterviel dort verkehrt. Man traf dort häufig auswärtige und ausländische Gelehrte, auch Dörpfeld habe ich hier kennengelernt. Die Frau von Duhn war nicht sehr geeignet, dem großen Haushalt ihres Mannes vorzustehen und die lebhafte Geselligkeit des Hauses zu leiten. Sie war eine gute Frau, aber wir nannten sie respektlos immer die Kuh. Mich mochte sie gern und ich habe sie sehr oft zu Tisch geführt, da sie sich bei mir, was die Unterhaltung betraf, geborgen fühlte.
Der nahe Umgang mit Duhn bewirkte, daß ich mich mehr mit Archäologie beschäftigte, als sonst bei den Philogen üblich ist. Er hätte mich auch gar zu gerne an einem Museum untergebracht und schlug mir nach der Promotion das Museum in Mainz vor, wo sein Schüler Schumacher tätig war. Auch später hätte ich noch Gelegenheit gehabt, die Museumslaufbahn einzuschlagen, aber das verlockte mich nicht, nachdem ich einmal - nach der Griechenlandreise 1906 - immer mehr entschlossen war, mich für Philologie zu habilitieren.



In meinem ersten Semester habe ich auch bei Osthoff ein Kolleg über Sanskrit gehört. Da wir nur zu dritt waren und einer davon oft fehlte, fand das Kolleg meist in Osthoffs Wohnung statt. Neben mir war noch ein Dr. Wahl ständiger Teilnehmer. Natürlich war ein Semester viel zu wenig, aber das Wesen der Sprachvergleichung wurde mir doch klar, da es mir an konkreten Beispielen gezeigt wurde. Leider ging viel Zeit damit verloren, die Buchstaben und die zahlreichen Ligaturen zu lernen. Für mich wäre es praktischer gewesen, Sanskrit in Transkription zu treiben. Aber das Eine habe ich doch für immer gelernt, daß der Philologe, wenn er nicht zugleich Sprachwissenschaftler ist, selbst keine Etymologie aufstellen darf. Jeder Philologe wird lateinisch deus und griechisch theos zusammenstellen, die nichts miteinander zu tun haben. Später habe ich in Marburg meinen Freund Bultmann bei unsern abendlichen Zusammenkünften oft gewarnt, selbst zu etymologisieren, wozu er Neigung hatte, und in meinen eigenen Seminarübungen gestand ich immer meine Unzulänglichkeit ein, wenn ein Student mit einer Etymologie auftrat und ließ sie an hand der etymologischen Wörterbücher nachprüfen. Dabei ergab sich freilich allzu häufig, daß die Sprachwissenschaftler selbst nicht einige sind.

Auch Gustav Uhlig habe ich gelegentlich gehört. Er war früher Direktor des Heidelberger Gymnasiums gewesen. Ein tüchtiger Pädagoge und guter Grammatiker, auch als Herausgeber der Grammatici Graeci bekannt, ein selbstbewußt auftretender Scholarch, Redakteur des "Humanistischen Gymnasiums" und Leiter des Gymnasiallehrer-Vereins. Aber er war wegen geringfügiger päderastischer Entgleisungen von der Schule entfernt worden und nach einiger Zeit wieder als Honorarprofessor an der Universiät aufgetaucht. Er war ein interessanter älterer Herr, der amüsant zu erzählen wußte, besonders über seine persönlichen Erinnerungen an bekannte Gelehrte, und auch seine Vorlesung waren fesselnd. Ich habe einmal die kursorische Lektüre von Aristophanbes "Fröschen" in seiner Wohnung mitgemacht, wo sich etwa ein Dutzend Studenten um ihn versammelte. Das verstand er vorzüglich zu erklären, obwohl er etwas prüde war. Später habe ich auch Dieterich über Aristophanes gehört, ganz anders als bei Uhlig. Dieterich freute sich ganz besonders über die unanständigen Stellen und betonte sie mit behaglichem Lachen. Merkwürdigkeit habe ich selbst nie ein näheres Verhältnis zu diesem großen attischen Komiker gefunden und ihn auch nie in einer Vorlesung oder einer Übung behandelt. Unter Dieterichs Leitung haben wir auch einmal die "Frösche" im Heidelberger Stadttheater aufgeführt, in Drozsens Übersetzung, nur die Chorlieder hatte Dieterich selbst übertragen. Eine Aufführung der "Vögel", die unser Verein veranstaltete, hat Dieterich nicht mehr erlebt.



Diejenige Vorlesung, die ich in meinem ersten Semester am liebsten hörte, war das Kolleg von Kuno Fischer, den damals berühmtesten Heidelberger Lehrer, über Schopenhauer, das in der Aula gelesen wurde. Er sprach glänzend und klar und völlig frei. Zu Anfang einer jeden Stunde faßte er kurz zusammen, was er in der vorhergehenden Stunde vorgetragen hatte. Ich schaffte mir gleich die sechsbändige Schopenhauerausgabe (bei Reclam) an und habe neben der Vorlesung und dann in den Osterferien fast alle Werke des Philosophen gelesen, auch den Schopenhauerband Kuno Fischers zur Hand genommen. So wurde ich aufs Beste in die Philosophie eingeführt. Die ersten übrigens, nicht schlecht, in der Prima bei Ausfeld, wo wir einiges über die griechische Philosophie und über Logik zu hören bekamen. In meinem ersten Semester wurde ich schwankend, ob ich nicht lieber Philosophie studieren sollte. Erst im 5. Semester habe ich mich unter Dieterichs Einfluß zur Philologie entschlossen, aber auch da zuerst noch in beiden Seminararbeiten über griechische Philosophie gehandelt.

Kuno Fischer war die bekannteste Persönlichkeit in Heidelberg, und unzählige "Kuno-Witze" wurden erzählt, die meist seine ungeheuerlich Eitelkeit betrafen. Auf der Schloßterrasse in Heidelberg hat er ihr ja inschriftlich ein Denkmal gesetzt, in der Goethetafel, die auch "an die von Kuno Fischer gehaltene Festrede" erinnern soll, die dreistündige Rede im Jubliäumsjahr 1882, die er in der Stiftskirche hielt, wobei die Türen geschlossen wurden, damit niemand entweichen konnte. - Ich machte auch bei Kuno Fischer zum Antestieren Besuch in seiner Wohnung. Als er meinen Namen hörte, sagte er mit seiner apodiktischen Stimme: "Sie sind der Sohn des hiesigen Stadtdirektors" (der auch Pfister hieß). Als ich verneinte und ihm meinen Wunsch aussprach, seine Vorlesung zu besuchen:"Haben Sie noch Platz gefunden?" Ich:"Ja, ganz hinten war noch ein Platz frei". So etwas wollte er hören. Ich war durch meine Kameraden über Kuno ja genau unterrichtet. Übrigens war es nicht üblich, ihn persönlich aufzusuchen; ich tat es nur auf Anraten von Onkel Kammerer, der meinte, das sei doch ganz interessant. Und in der Tat habe ich die paar Minuten, die ich mit dem doch bedeutenden Mann zusammen war, nie vergessen. "Ich bin nicht genial, aber kongenial", sagte er von sich.

Das eingehende Studium Schopenhauers führte sich gleich auch zur indischen Philosophie, zu Deussen und zu Buddha, und im 1. Semester hielt ich im Philologischen Verein einen Vortrag über den Buddhismus, den ersten Vortrag überhaupt, den ich in größerem Kreis gehalten habe. Für die Philosophie blieb neben diesen Studien wenig Platz.



Philologischer Verein

Mein Leben war in den ersten zwei Semestern in Heidelberg geteilt zwischen Universität und Philologischem Verein. Aber beides war wiederum miteinander eng verbunden, da fast alle Vereinsbrüder klassische Philologen waren, im Verein auch Vorträge gehalten wurden und unsere Lehrer bei besonderen Gelegenheiten im Verein sich sehen ließen. Die Vereinsbrüder trafen sich täglich im Kolleg, in den Pausen fanden auf dem Universitätsplatz "Stehkonvente" statt, dann aßen wir gemeinsam zu Mittag. Das schloß natürlich den Verkehr mit andern Kommilitonen nicht aus. Offiziell nahm uns der Verein zweimal in der Woche in Anspruch.

Am Mittwoch abend fand ein Vortrag mit anschließender Kneipe statt, der Samstag abend war ganz der Kneipe gewidmet. Wir hatten unser eigenes Kneipzimmer, das mit unserm Wappen und violett-weiß-violetten Fahnen geschmückt war, auch die Photographien der Bundesbrüder und Alten Herrn hingen an den Wänden, ein eigenes Klavier spielte die Begleitung zu den Gesängen, und es war immer ein Vereinsbruder vorhanden, der spielen konnte. Für die Vorträge mußten wir uns gut vorbereiten, da auch die ortanwesenden Alten Herrn und Inaktiven oft in größerer Zahl anwesen waren. Und Leute wie Gerhard, Gropengiesser oder Mendius ließen keine Oberflächlichkeiten durchgehen. Die Diskussion war oft sehr lebhaft und wurde wie auch die Kneipe vom Vorsitzenden geleitet. Der Comment beherrschte die Kneipe und es wurde manchmal ganz lästerlich gesoffen. Bierjungen waren dann an der Tagesordnung, Biergerichte stiegen und das Sprengen mit 15 und noch mehr Ganzen als besondere Ehrung war nicht selten. Ein Fuchsenstall wurde konstituiert unter der Leitung des Fuchsmajors und an den offiziellen Teil, der gegen Mitternacht schloß, reihte sich die Fidulität, die sich oft noch lange hinzog. Wenn man dann noch ein Café ausuchte - meiste das Café Häberlein in den Anlagen, das bis 4 Uhr morgens geöfnnet war - wurde noch Kaffee mit Kuchen verzehrt oder Eier im Glas Mit Brötchen und, wenn die Stimmung vorhanden war, Sekt getrunken, wozu ich immer Geld hatte. Wie oft habe ich damals den letzten Rest der Vereinsbrüder, der noch aushielt, zu Kupferberg Gold oder Matthäus Müller, oder Henkel eingeladen! Von 4 - 5 Uhr waren alle Lokale geschlossen, da ging man unter langen Gesprächen spazieren und um 5 Uhr wurde die Bahnhofswirtschaft geöffnet, wo es warme Würstchen und Bier gab. Das war ein vollständiges Programm, das natürlich nicht immer eingehalten wurde, aber oft genug. Doch in welchem andern Morgen pünktlich in der Vorlesung zu erscheinen. Das hatte erzieherischen Wert und dieser Übung verdanke ich es, daß ein Kater schnell überwunden wurde oder überhaupt gar nicht aufkam, so daß ich bis heute trotz scharfer Zecherei wenig vom Katzenjammer geplagt wurde. Auch mein Magen hat es ausgehalten.

Am Sonntag wurde meist nachmittags ein Ausflug gemacht, irgendwo Kaffe getrunken und dann in Heidelberg zu Nacht gegessen. Sonst pflegte man in der Regel zu Hause auf seiner Bude das Nachtessen einzunehmen, wofür man sich selbst Brot, Butter, Wurst, Käse usw. einkaufte. Auch einen Spirituskocher für den Tee hatte man. Ein besonderes Fest war es, nach Neckargemünd in Menzers Griechische Weinstube zu gehen, dort auf der Terrasse am Neckar zu sitzen und Samos, Kalliste und Mavrodaphne zu trinken.

Unser Verein stand mit den andern wissenschaftlichen Vereinen in Heidelberg in naher Verbindung, besonders mit den Mathematischen Verein, mit dem wir auch zeitweillig das Bundeslokal gemeinsam hatten. Wir besuchten uns gegenseitig auf der Kneipe und einmal im Monat fand ein Verbandshocke statt. Ferner gehörte unser Verein dem Kartellverband der Philologischen Vereine an, die ja an fast allen Universitäten bestanden, und jedes Jahr fand irgendwo der Kartelltag statt, zu dem ich in späteren Semestern auch gelegentlich als Vertreter geschickt wurde, so einmal nach Hildesheim. Später wurde der deutsche Wissenschaftler-Verband gegründet, dem sämtliche wissenschaftlichen Vereine angehörten. Über die Semestertätigkeit gab der gedruckte Semesterbericht oder der Jahresbericht des Kartellverbandes Auskunft, den ich längere Zeit regidiert habe.


Osterferien 1902


Die Ferien nach den zwei ersten Semestern verbrachte ich zum größten Teil zu Hause in Baden-Baden. Ich habe da eifrig die Vorlesungen nachstudiert, Schopenhauer und griechische Texte gelesen, besonders auch die Anthologia lyrica von Crusius an Hand seines Kollegs durchgearbeitet, sowei ich dies damals verstand. Von den Büchern, die ich mit in dieser Zeit anschaffte, besitze ich noch nach dem Brand die Schopenhauer-Ausgabe, Xenophons Scripta minora und die Bucolici Graeci von Ahrens, auch die Odysseeausgabe von La Roche, die ich schon als Gymnasiast besaß.

Am Schluß des Wintersemesters machte mein alter Direktor vom Gymnasium, Häussner, meiner Mutter den Vorschlag, daß ich ihn und seinen Sohn Karl, meinen früheren Mitschüler, auf einer Reise nach Oberitalien begleite. Meine Mutter stimmte gleich zu, und so bin ich zum ersten Mal, unter guter Führung, nach Italien gekommen. Wir fuhren durch den St. Gotthard über Mailand und Verona nach Venedig, wo wir mehrere Tage blieben, mit einem Ausflug auf den Lido und nach Murano. Einen Glanypunkt bedeutete für mich damals Ravenna mit Classe.

Etwa 15 Tage nur waren wir in Italien gewesen. Diese Reise bedeutete für mich die erste Begegnung mit Originalen der älteren Kunst. Außer den Kunstausstellungen in Baden-Baden, auf der nur moderne Kunst vertreten war, hatte ich ja noch kaum etwas von guten Bildern gesehen und noch kein Museum besucht. Für die Reise selbst hatte ich nur wenig Zeit zur Vorbereitung gehabt, Burckhards Cicerone habe ich damals gelesen und einiges andere. Für die moderne Kunst waren wir von Baden-Baden her auch durch die "Münchner Jugend" interessiert. Jetzt aber hatte ich gany anderes gesehen und das Gesehene sollte nun auch verarbeitet werden. Ich wollte daher im nächsten Semester zu Thode ins Kollege gehen, aber nach ein paar Stunden war es mir unmöglich, wiewohl seine Privatvorlesung besser war als sein Publikum. Da hab ich mir denn mit Büchern geholfen, und ich schaffte mir allmählich auch Springers Kunstgeschichte ganz an. Aber erst im nächsten Winter in Berlin fand ich was ich suchte.

Auch regte mich die Italienreise an, bei dem damaligen Privatdozenten in Heidelberg, Vossler, Italienisch zu lernen. Die Anfänge des Englischen hatte ich auf dem Gymnasium gehabt. In beiden Sprachen brachte ich es dann so weit, daß ich wissenschaftlich Bücher lesen konnte, und französische und italienische Werke in Zeitschriften besprochen; aber zum Sprechen selbst bin ich leider kaum gekommen.

Zunächst, als ich von der Reise zurückgekehrt war, erhielt ich einen Brief meines Leibburschen Gropenhiesser, ich solle einige Tage vor Beginn des neuen Semesters nach Heidelberg kommen. Die drei badischen Hochschulen planten einen großen Fackelzug in Karlsruhe zu Ehren des Großherzogs, der sein Regierungsjubliläum feierte. Alle Korporationen sollten daran teilnehmen, jedes Mal die drei Chargierten zu Pferd. Ich sollte also einen Chargierten spielen und zu dem Zweck noch schnell in Heidelberg zusammen mit ihm Reitstunden nehmen. Das haben wir denn getan, und so bin ich zum ersten Mal aufs Pferd gekommen. Die Feier in Karlsruhe verlief großartig, der Fackelzug war endlos. Die Pferde wurden vom Dragonerregiment gestellt, und neben jedem Reiter ging vorsichtshalber ein Dragoner, oft verwundert über unsere Reitkünste. Und trotzdem passierte es einem Reiter, einem Theologen, daß sein Pferd sich losriß und mit ihm im Galopp zurück zur Kaserne stürmte. An den Fackelzug schloß sich ein großer Kommers an, von Tausenden von Studenten veranstaltet. Wir vom Verein waren damals auch in der Familie Bernays in der Schirmerstraße 1 zu Gast und bei einem Salamander, den ich dort auf das Wohl des Großherzogs kommandierte, zerbrachen wir 3 Sektgläser, das Stück angeblich zu 5 Mark, wie uns die Hausfrau mitteilteö aber sie sei nicht böse, da es dem Wohl des verehrten Großherzogs gegolten habe.

Bei Bernays waren wir in diesen Semestern öfters zu Hausbällen eingeladen, einmal auch zu einem Faschingsball, am Fastnachtsdienstag 1902, bei dem es hoch herging und bei dem die "Rote Nelke" eine Rolle spielte, ein Karlsruher Schönheit, die aber, was ich gar nicht merkte, und worauf mich Bernays aufmerksam machte, sich durch Dummheit auszeichnete. Ich saß darüber hinweg und hatte sie doch recht gern. Bei einer Aufführung, der des geliebten Ritters gegen den ungebliebten, den sie heiraten sollte, spielte sie die Geliebte und ich den geliebten Ritter, der durch seine Liebe den Ungeliebten in die Flucht schlug. Das Lied begann mit den Worten:

Der Horizont wird gelb und gelber, Am Ufer blöken Kälber, Kälber!


Zu den Proben waren wir mehrere Male nach Karlsruhe gefahren.

Ein Schönheit war die Tochter, Marie Bernays, etwas in unserem Alter. In diesen ersten Semestern lernte auch Wilhelm Weber sie kennen. Später, nachdem er promoviert hatte, verlobte er sich mit ihr. Aber er wurde von seiner Schwiegermutter wie er mir selbst einmal auf einem Spaziergang zum Königsstuhl erzählte: überaus schlecht behandelt. Sie sagte immer "Sie" zu ihm; der Rittmeister so und so und der Regierungsrat X sei ihr als Schwiegersohn lieber natürlich viel lieber gewesen als er, von einem Verkehr ihrerseits mit seinen Eltern könne keine Rede sein usw. Ich riet ihm damals dringend, die Verlobung doch aufzulösen. Im archäologischen Institut, wo Weber am Hadrian arbeitete, stand, über seinen Büchern thronend, die bergehoch dort aufgehäuft waren, ein Bild seiner Braut. Eines Tages war es verschwunden. Die Verlobung war gelöst, wie er mit betrübt sagte. Und es gab noch ein dramatisches Nachspiel, da der Stiefbruder Uhde Bernays mit eines Corpsbrüder Weber auf die Bude rückte, um die Herausgabe der Brautbriefe zu fordern. Kurz drauf lieh sich Weber von einem Freund, dem Buchhändler Wolf, einen Frack und hielt darin um die Hand eines der vornehmsten Heidelberger Mädchen an, der Stieftochter des Juristen, Exz. Immanuel Rekker, die er flüchtig in einer Gesellschaft bei Czerny kennengelernt hatte. Dadurch hoffte er sich eine Genugtuung zu verschaffen. Natürlich holte er sich einen Korb, da weder die Mutter noch die Tochter drauf vorbereitet waren. Weber hat dann später eine seiner Schülerinnen geheiratet, und da allerdings eine vortreffliche Frau gefunden. Im Sommer-Semester 1902 hielt ich im Verein einen Vortrag über den seit kurzem erstdurch ein Papyrusfund bekannt gewordenen griechischen Dichter Bakchzlides, mit metrischen Übersetzungssproben. Sonst habe ich mich in diesem Semester besonders mit antiker Kunst beschäftigt, als Vorbereitung für das nächste Halbjahr, das ich in Berlin zubringen wollte.



Das Winter-Semester 1902/03 in Berlin

Mitte Oktober fuhr ich zusammen mit Karl Häussner in die Reichshauptstadt und wir wurden dort spät abends am Anhalter Bahnhof von einem Onkel mütterlicherseits, Ludwig Glaser, in Empfang genommen und in seine Wohnung in die Großbeerenstraße geleitet. Er war Pfarrerssohn, was man ihm anmerkte, Baurat und Patentanwalt, ein steinreicher Mann. Glasers Annalen sind den Physikern wohlbekannt. Damals hatte er drei Kinder, den Ältesten, Ludwig, der aufs Gymnasium ging, und zwei Töchter. Seine Frau war eine stattliche vornehme Damen; auch er ging meist in Schwarz und zeigte eine vornehme Ruhe. Um so lauter waren die Kinder, vor allem Ludwig, der unentwegredete, wenn es ihm nicht verboten ward; seine Schwester Hertha folgte ihm hierhin nach. Ich sollte sonntags, so oft icdh wollte, ueingeladen zum Mittagessen kommen, und ich habe häufig davon Gebrauch gemacht, und fast immer gab es zufällig Hasenbraten. Gelegentlich nahm er mich, wie er sagte, "zu einem Butterbrötchen" zu Kempinsky mit oder zur Traube, wo dann fein gespeist wurde und ebenso getrunken. Ich ging meist im schwarzen Gehrock mit Zylinder zu Glasers.

Auch in Berlin stand für mich die klassische Philologie nur an der Peripherie. Bei Wilamowitz hörte ich nur das einstündige Publikum über griechische Lyrik, das sehr oberflächlich war. Bei Diels machte ich den untern (oder mittleren) Kurs des Seminars mit, wo wir die Eumeniden des Aischylos lasen, auch nur mit ganz geringem Erfolg. Vorzüglich war die viestündige Vorlesung von Vahlen über die Satiren des Horaz, ein Interpretationskolleg in den außerordentlich fein und klar, mustergültig interpretiert wurde. Man konnte bei ihm auch gut mitschreiben, und mein eifrig geführtes Kollegheft habe ich bis zum Brand aufbewahrt. Er trug mit leider dünner Stimme vor, damals schon ein alter Mann, und wenn er polemisierte, erkannte man schon in der Aussprache des Namens des Bekämpften seine Ironie, so wenn er Nipperdey nannte. Ich wollte auch Philosophie weiter studieren, wurde aber enttäuscht. Paulsen las Pädagogik, das hörte ich auch, aber da waren keine Probleme, nur Ansichten. Seine Übungen über Kants "Kritik der praktischen Vernunft" machte ich passiv mit und hörte mit Erstaunen die Referate, die mir von künftigen Theologen zu stammen schienen. Sonst war die Philosophie an der Universität noch durch ein paar jüdische Gelehrte vertreten: Simmel, Lesson, Lassar, zu denen man gelegentlich einmal ging. Versäumt habe ich leider, Eduard Meyer zu hören, auch zum Archäologen Kekule von Stradonitz bin ich nicht gegangen. So blieb als als einziger Glanzpunkt Wölffin übrig, dessen Einführung in die Kunstgeschichte ich, ohne zu schwänzen, hörte. Auf der kurzen Italienreise hatte ich ja eine Anzahl von Museen gesehen, so daß ich mit manchen Künstlernamen Vorstellungen verbinden konnte, und nun besuchte ich, nahezu alltäglich, mehrere Stunden eines der Berliner Museen, mit Notizbuch und sogar einem kleinen Zeichenblock bewaffnet, was uns Wölfflin empfohlen hatte. Dabei waren mir die Kataloge und Handbücher von großem Nutzen. Wölffin sprach so wohltuend schlicht und einfach, wie ich später keinen Kunsthistoriker gehört habe. Er bewies mir, daß man auch über Kunst schlicht und sachlich reden konnte und vor allem deutlich, ohne eigne Rätsel aufzugeben, die doch unlösbar waren, weil sie der Redner selbst nicht lösen konnte. Auch wußte Wöllflin, was jetzt fast alle vergessen haben, daß bei einem kunsthistorischen Vortrag das Kunstwerk und der Künstler doch das wichtige sein soll, nicht der Vortragende, der darüber redet.

Ins Theater gingen wir häufig. Freilich um Plätze zu den beiden kgl. Häusern zu bekommen, mußte man lange anstehen, aber da jeder Student mehrere Karten erhielt, konnten wir uns ablösen. Da habe ich in den Faust zum ersten Mal gesehen, mit Matkowski, (in München dann wieder im nächsten Semester mit Possart als Mephisto). Wir spielten gelegentlich auch als Statisten mit. Francesco d`Andrade; an sein Champagnerlied, das er mehrfach wiederholen mußte, erinnere ich mich heute noch. Die beiden Schillertheater waren am billigsten un am besten zu erreichen.

Da wir in Berlin einen Kartellverein hatten, war es meine Pflicht, ihm beizutreten. Aber er spielte dort bei mir keine Rolle. Samstags ging man zu Vortrag und Kneipe; der Verkehr mit den Kartell-Brüdern war gering, und ich bin auch keinem näher getreten. Meine Pfälzer Art war ihnen fremd, wenn auch als belebendes und in seiner Fremdheit angestauntes Element schätzbar. "Die Berliner scheinen", so schriebich einmal an meinen Schwager Emil, "von einer fidelen Kneipe eigentlich keine Ahnung zu haben. Doch sind ein paar sehr nette Kartell-Leute aus München da, die ordentliches Leben hineinbringen."

In Berlin wohnte ich Berlin C. Hackescher Markt 1, bei einer jüdischen Familie, die zwei Dienstmädchen hielt. Im allgemeinen war ein Student besser bei einfachen Leuten untergebracht. Aber auch bei diesen reichen Leuten hatte ich es ganz gut getroffen, wenn ich auch den Hausherrn nie, die Frau sehr selten zu Gesicht bekam.

München, Sommersemester 1903

In den Osterferien sah ich mir in Baden-Baden die Ausstellung moderner Kunst mit andern Augen als früher an und bereitete mich vor, nun die Kunststadt, München zu besuchen. Ihr sollte das Sommersemester 1903 gewidmet sein. Auf der Fahrt nach München traf ich im Abteil einen jungen Herrn, mit dem ich ins Gespräch kam. Er war Corps-Student, hatte sich bisher in Straßburg aufgehalten und wollte nun auch in München studieren. Da ihm diese Stadt ebenso unbekannt wie mir war, stieg er mit mir im gleichen Hotel ab, das mir empfohlen war, im Deutschen Kaiser am Bahnhof, und wir gingen dann gleich gegen Abend auf Erkundung aus und landeten natürlich im Hofbräu. Hier saßen wir mit einem Einheimischen am gleichen Tisch, und im Lauf des Abends, der sich bei Vertilgung mehrerer Maß lang hinzog, stellte sich dieser als Mehlwurmzüchter vor und lud uns dringend ein, ihn einmal zu besuchen; er habe auch zwei hübsche Töchter. leider haben wir dieser Einladung nie Folge geleistet. Doch habe ich gleichan diesem Abend mit meinem Kommilitonen Schmollis getrunken. Seinen Namen weiß ich nicht mehr. Als wir schwer geladen auf dem Heimweg an der Frauenkirche vorüber gingen, zog er plötzlich einen Revolver aus der Tasche und schoß auf eine der Figuren am Eingang des Domes. Der Schuß dröhnte furchtbar zweischen den Häusern auf diesem Platz, und einige Leute liefen herbei. Da drückte er mir die Waffe in die Hand; ich könne schneller laufen als er. Ich stürmte davon, während er ruhig seines Weges ging und die Leute darauf aufmerksam machte: dort laufe der, der geschossen habe! So kamen wir beide glücklich davon; aber als er ins Hotel kam, habe ich ihn doch gründlich gescholten. Das Frühstück am andern Morgen war das letzte Zusammensein mit ihm; dann habe ich ihn, glaube ich, nie mehr gesehen.
In München fand ich Wohnung in der Nähe des Englischen Gartens in der Schönfeldstraße, schief gegenüber dem Kriegsministerium, bei einer älteren Dame, deren Gesellschafterin, Marie Biersack, den Haushalt besorgte. Auch hier war ich wieder vorzüglich aufgenommen, da Marie, die einige Jahre älter als ich war, mich gut versorgte, gelegentlich auch abends zur Unterhaltung kam und mir dabei etwas zu essen mitbrachte.

In München habe ich noch weniger Vorlesungen gehört als in Berlin. Es war das erste Semester, in dem unser Heidelberger Lehrer, Crusius, in München las. Karl Preisendanz, der ein Jahr jünger war als ich und im Winter zuvor bei Crusius in Heidelberg zu studieren angefangen hatte, war mit ihm nach München gegangen, und wir beide, die alten Heidelberger, waren jetzt die Stützen des Seminars in dem eine große dunkle Masse saß. So kam es, daß fast nur Preisedanz und ich immer abwechselnd interpretierten. Ich machte auch eine kleine Seminararbeit, die ich leichtfertig in ein paar Tagen niederschrieb, und die Preisendanz abstach, bis ihn Crusius fragte, ob er denn meine Lösung, - es handelte sich um ein metrisches Problem - nicht für richtig hielt: Das wohl, aber es sei doch die Pflicht des Rezensenten, auf jeden Fall zu opponieren. So wurde zwei Stunden über die Kleinigkeit diskutiert.

In dieser Zeit war die von dem Privatdozenten Drerup im Namen der "jünsten Münchner Philologen-Schule" herausgegebene Festschrift für Wilhelm Christ erschienen, die unter andern Beiträge auch die Arbeit unseres Vereinsbruders Kullmer über Hellanikos enthielt. Da Crusius in diesem Semester über griechische Prosa las, ging auch Kullmer in die Vorlesung zu der Zeit, wo Crusius über Hellanikos sprechen mußte, um einiges Lob zu hören. Aber Crusius vermöbelte die Arbeit in schärfster Weise, ganz gewiß mit Recht, wegen der Leihtfertigkeit und des überheblichen Tons und der unangebrachten Unterstellungen, die der Verfasser gegen Wilamowitz und andere erhoben hatte. Ganz geknickt schlich sich Kullmer am Ende der Vorlesung aus dem Saal. Er hat dann von Eduard Schwartz in dessen Rezension noch Ärgeres zu hören bekommen. Drerup führt in seiner Selbstbiographie dies alles auf die Abneigung gegen die Katholiken zurück; aber die Kritik an seiner oberflächlichen Festschrift war sachlich durchaus berechtigt. Die anderen Beiträge waren nicht besser.

Drerup habe ich damals leider weder gesehen noch gehört. Später bin ich in Würzburg sein Nachfolger geworden. Aber von katholischen Strömungen merkte man in München, auch im Münchner Verein, manches. Im Philologischen Verein hielt ich einen Vortrag über "Die Entwicklung der monistischen Philosophie in der vorchristlichen Epoche und ihre Parallelen in der Neuzeit." Ich hatte gerade Häckels "Welträtsel" gelesen, die ja einen jungen Studenten, der antikatholisch, ja uach antichristlich eingestellt war, totz allem begeistern konnten. Und in Häckels Sinn war ja auch mein Vortrag gehalten, mit mancherlei Spitzen. In der Diwskussion trat ein Dunkelmann auf und donnerte gewaltig gegen mich und ich ließ die Antwort nicht fehlen. Ich glaube, dieser Opponent war Soyter, der sich später (wie er mir einmal sagte) gegen sein Willen, von Drerup geradezu genötigt, in Würzburg für Byzantinistik habilitierte und dort noch mein Kollege war, bis er einen Ruf nach Leipzig erhielt; denn an Byzantinisten war ja großer Mangel. Auch Soyters Habilitation stand mit Drerups und der Görresgesellschaft Bestrebungen in Zusammenhang, von denen Drerup in seiner Selbstbiographie spricht, möglichst viele katholische Gelehrte zu Habilitation heranzuziehen. In das Stammbuch des Münchner Vereins habe ich damals einen Erguß geschrieben, der von meinen antikirchlichen Häckelstudien Zeugnis ablegte und von vielen mißfällig aufgenommen wurde.

An der Münchner Universität war außer Crusius nur noch Furtwängler von Einfluß auf mich, dessen Vorlesung und Übungen über griechische Vasen ich besuchte. Das Seminar fand in der Vasensammlung statt, die Originale bekamen wir selbst in die hand. Furtwängler pflegte die Vasen etwas in die Höhe zu werfen, wenn er sie besprach, dabei zu drehen und wieder aufzufangen, damit wir alle sie sehen konnten. Einer der Kommilitonen, der eine solche Vase in die Hand nahm, ließ sie fallen, so daß sie zerbrach. "Zum Archäologen scheinen Sie nicht geboren zu sein", meinte Furtwängler. - Viele Jahre später stand ich im Fichtelgebirge in der Nähe von Bischhofsgrün, wo wir von Würzburg aus in der Sommerfrische waren, an einem See, in dem ein Herr herumschwamm. Als er ans Ufer stieg, erkannte ich in ihm meinen Erlanger Kollegen Lippold, den Archäologen. Wir kamen ins Gespräch und da ergab es sich, daß wir zur gleichen Zeit in München bei Furtwängler studiert hatten. Da erzählte ich ihm die Geschichte von dem zerbrochenen Krug: "Das bin ich ja gewesen", sagte er, "aber Furtwängler hat damals gesagt: "Zum Vasenforscher scheinen Sie nicht geboren zu sein". Und das bin ich ja auch nicht geworden".

Von sonstigen Münchner Dozenten ist mir niemand mehr in Erinnerung, weder Christ noch Wölfflin, der Vater, auch Pöhlmann nicht, den ich auch nicht gehört habe. Auch in München trieb ich mich viel in den Museen herum; in damaliger Zeit stand besonders die Schackgalerie bei uns in hohem Ansehen, zumal die Böcklinbilder, auch für Stück waren wir begeistert. München hatte damals noch seine Blümtezeit, "Simplizissimus" und "Jugend" waren noch führende Zeitschriften, die in München erschienen. Auch die Künstlerlokale "Simplizissimus" und "Kaffee Größenwahn" haben wir öfters besucht, von "Schwabing" merkten wir nicht viel; in die eigentlichen Kümnstlerkreise kamen wir ja nicht und einen Fasching habe ich dort nicht erlebt, ebenso wenig ein Oktoberfest. Am Theater war es besonders Possart, und das neue Prinzregententheater sah damals seine Anfänge, und schon sein Bau rief unsere Bewunderung hervor. In München wurden wir mehr als in Berlin von der Arbeit abgezogen, wie ich ja immer, verstärkt durch meinen Aufenthalt im Jahre 1910, den Eindruck hatte, daß man nirgends so gut (auch wissenschaftl.) arbeiten könne wie in Berlin, wo überhaupt das Leben sich viel intensiver gestaltet als in München. Gewiß habe ich auch in Berlin von der mir sehr zusagenden Umgebung (im Winter) kennen gelernt, ich bin auch in Charlottenburg gelegentlich Schlittschuh gelaufen. Der Grunewald mit seinen Seen gefiel mir sehr gut. Aber in München zog es es uns immer wieder hinaus aus der Stadt und wir haben manche größere Tour unternommen, wenigsten ich, eines Berbesteigung. Der Feldberg im Schwarzwald blieb lange der höchste Berg, den ich bezwungen. Das Bergsteigen war um die Jahrhundertwende noch nicht so in weitere Kreise gedrungen wie später. Damals war noch der "Bergfex" eine ständige Figur in den Fliegenden Blättern; später mit dem Aufkommen des Bergsports ist er ganz aus ihnen geschwunden.



Weltanschauliches


In dieser Zeit habe ich auch zum ersten Mal genauer Nietzsches Zarathustra gelesen. Ich hatte das Buch mir in Berlin angeschafft und auch nach München mitgenommen. Nach einer durchschwärmten Nacht ging ich einmal in der Morgendämmerung zum Großhesseloher See, ruderte in einem Boot hinaus und las mit lauter Stimme die tönenden Verse des Tanzliedes. Die Sonne ging auf und ich schwärmte weiter. Damals war ich 20 Jahre alt. Von Schopenhauer und dem verwandten Budhismus war ich nach einer kirchlichen Jugenderziehung als dem Anfang einer neuen Weltanschuung ausgegangen, und davon ist mir de Abneigung gegen Schelling und Hegel geblieben, abgesehen davon, daß beide als allzu romantisch zu mir durchaus nicht paßten. Dann war ich zu Häckel gekommen und zu Nietzsche, und ich verwarf den Pessimismus, die Verneinung des Willens zum Leben, das Schielen nach dem Jenseits, die Metaphysik, und ich bejahte das Leben und das Diesseits, und meine antichristliche Gesinnung ward gestärkt. Aber dann mußte ich auch jede Religion - wenigstens für mich selbst - verwerfen. Doch die Geschichte zeigte mir, daß es keine Epoche und kein Volk jemals ohne Religion gegeben habe, daß die "Religion" unendlich mannigfaltige Formen annahm, und auf dem Lande in Bayern saß ich überall den religiösen Glauben lebendig. - Was ist die Religion und der religiöse Glaube? Was ist das Christentum und das Wesen des Christentums und wie ist es entstanden? Darüber wollte Harnack in seinem neuen Buch über "Das Wesen des Christentums" Auskunft geben, das um 1900 erschien und großes Aufsehen erregte. Mit solchen Fragen kam ich Anfang August 1903 nach Heidelberg zurück und trat bald darauf in die Schule Albrecht Dieterichs ein, und ich hörte ihn auf dem Katheder donnern: "So lange ein so schlechtes Buch wie Harnacks `Das Wesen des Christentums´ Anklang findet, ist es mit unserer religionsgeschichtlichen Erkenntnis nicht gut bestellt."

Aufstieg

Es begannen nun für mich die glänzenden Jahre vom Sommer 1903 bis zum Sommer 1908, zugleich der Höhepunkt im Leben meines Lehrers Albrecht Dieterich, der mitten aus seiner Tätigkeit gerissen wurde. Als ich im Frühjahr 1903 nach München zog, war er von Gießen nach Heidelberg als Nachfolger von Crusius auf dem Lehrstuhl Erwin Rohdes gekommen, im Mai 1908 starb er auf dem Katheder, als er gerade die neue Vorlesung eröffnen wollte. Für mich waren diese fünf Jahre aus mannigfachen Gründen glanzvoll, auch von Erfolgen begleietet, aber in dieser Zeit wuchs in mir auch eine Hybris auf, die verhängnisvoll werden sollte und für die ich in den folgenden Jahren reichlich Buße getan habe.